Dennis Wilson
»Pacific Ocean Blue«
[SonyBMG / VÖ: 20.06.2008 ]
Text:
Mario Lasar
Dennis Wilson war der einzige Beach Boy, der wirklich surfen konnte. Über ihn schrieb Bruder Brian, das Genie der Band, seine ersten Songs.
Ursprünglich auf die Rolle des Beaus und Posterboys reduziert, entwickelte sich Dennis Wilsons Songschreiber-Talent erst in den späten 60ern (höre "Forever" vom Beach-Boys-Album "Sunflower"!). Er war es, der 1977 als erstes Mitglied der zum damaligen Zeitpunkt zu einem reinen Oldies-Act mutierten Beach Boys mit "Pacific Ocean Blue" ein Soloalbum herausbrachte. Dieses wird nun, angereichert mit Bonus-Tracks und dem dreißig Jahre lang unveröffentlichten (!) Nachfolge-Album "Bambu", zum ersten Mal in würdevoller Form wieder zugänglich gemacht.
Die Musik, zwischen erdiger Bodenhaftung und flüchtigen Brisen changierend, vermittelt in ihren besten Momenten eine unausgeglichene Zerrissenheit, die sich aufs Deutlichste in den bruchstückhaften Strukturen des Songwritings offenbart. Zu behaupten, hierin artikuliere sich der unstete Charakter des Autors Wilson, ist zwar etwas billig, aber auch stimmig. So interessierte sich Wilson nach den Aufnahmen zu "Bambu", das die durchaus in Beach-Boys-Idiomen kommunizierende Formensprache seines Vorgängers fortführt, überhaupt nicht mehr dafür, das Album zu veröffentlichen, weil er mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders war. Dazu passt, dass die Musik immer schon an einem anderen Ort zu sein scheint als bei sich selbst. Ihr fehlt eine gegenwärtige Qualität, weil sie mittels flüchtiger Gesten realisiert wurde.
Die Songs beschreiben weniger wendungsreiche Reisen als vielmehr komprimierte Schnappschüsse von verhuschten Momenten. Die Musik trägt offensiv klaustrophobische Züge, die mit der dem Ozean gemeinhin zugeschriebenen Weite kontrastieren. Ähnlich doppelbödig funktioniert der LP-Titel, der hier nicht die Farbe Blau beschreibt, sondern einen infolge von Umweltverschmutzung niedergeschlagenen Gemütszustand des auf diese Weise personifizierten Ozeans.
Auch die Konnotation von Dennis Wilsons Stimme gestaltet sich angenehm uneindeutig - sie reibt sich, will Rock'n'Roll-Traditionen pflegen, entgeht wegen ihrer Gebrochenheit aber jedem Klischee und nähert sich häufig einer weniger formalisierten Version von Blue-Eyed-Soul im Sinne von Hall & Oates an. Nur konsequent, dass die Verzweiflung, die hier mal unterschwellig, mal explizit zur Geltung kommt, nicht klingt, als sei sie durch tausend Filter der Mittelbarkeit geschickt worden, sondern wirklich empfunden - ohne jeden Zynismus und von notwendigem Pathos erfüllt. "I believe you Mr Wilson, I believe you anyway" (John Cale).
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