Allroh / Tumido - "Nym" & "The Orgy" Artikelbild (groß)
 
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Allroh / Tumido

»"Nym" & "The Orgy"«

[Trost]

Text: Martin Büsser

Auf ihrer letzten Tour trat Allroh im Vorprogramm der allseits verkulteten Shellac auf. Viel Ehre für eine deutsche Musikerin, die ihre Konzerte bzw. ihre aktuelle CD alleine mit Gitarre und Stimme bestreitet.

Doch diese Aufmerksamkeit hat Anne Rolfs sehr wohl verdient. Ihr Gitarrenstil ist einfach eine Wucht, der ohne Umschweife mit Jimi Hendrix verglichen werden muss. Alles drunter wäre falsche Bescheidenheit. Anne Rolfs (ehemals bei Wuhling aktiv) beherrscht ihr Instrument virtuos, doch das, was in den Siebzigern mal als "Gitarrengewichse" bezeichnet und von der Folgegeneration bekämpft wurde, ist ihr völlig fremd.


Wie Hendrix entnimmt Rolfs ihre Hauptinspiration dem Blues, verformt ihn aber zu einem Rudiment, zu Soundanballungen, die ebenso minimalistisch wie raumergreifend sind. Und noch etwas Außergewöhnliches kommt hinzu: Anne Rolfs singt zu dieser uramerikanischen Musik in deutscher Sprache. Dies jedoch zum Glück ähnlich verformt und verfremdet, wie sie ihre Gitarre einsetzt, nämlich bluesy und lautmalerisch, ohne dass man die Texte so richtig versteht. Die Intensität, Sturköpfigkeit und Konsequenz der vier langen Nummern auf "Nym", die einen völlig ausgelaugt zurücklassen, suchen derzeit ihresgleichen.

Allrohs Labelkollegen Tumido sind allerdings auch nicht zu verachten: Das Duo Gigi Gratt (Bass, Gitarre, Trompete) und Bernhard Breuer (Schlagzeug) aus Linz hämmert Bassläufe herunter, gegen die Jerichos Trompeten wie ein Ständchen klingen, und schafft es mit dem brillanten Auftakter "Chubasco", den Rezensenten an die legendäre Wave-Band This Heat zu erinnern. Luftige Trompeten, schwere Bässe, Prog-Rock und Industrial-Noise ergeben ein dichtes Geflecht aus stilistischen Bezügen, die jedoch nie allzu dick aufgetragen als Zitat im Raum stehen bleiben.

Das Cover, Gemäldemotiv einer barocken Orgie, macht klar: Post rock is the new barock. Hier darf geschwelgt werden, hier kann man sich (auch als bloßer Hörer) verausgaben. Und wenn schließlich Free-Form-Improvisationen mit Hardcore-Anklängen von einem Chor aufgegriffen werden, der wie eine burleske Parodie auf Thee Silver Mt. Zion klingt, ist der Höhepunkt des Zitat-Zitat-Pop erreicht, der allerdings gut funktioniert, da das Zitierte als Referenz völlig von der Dichte und dem Ideenreichtum dieser Musik absorbiert, sozusagen in orgiastischer Form verspeist wird.



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aus Intro #163 (August 2008)
 
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