Christopher D Ashley
»Cruel Romantics«
[Sunday Best / Rough Trade / VÖ: 06.06.2008 ]
Text:
Christian Steinbrink
Disco wäre ziemlich langweilig, wenn mit "Saturday Night Fever" und John Travolta seine ganze Geschichte schon erzählt wäre. Wer das tut, unterschlägt eine der wohl attraktivsten und glamourösesten Epochen der Popgeschichte: das New York der 1980er.
Künstler wie Klaus Nomi, Arthur Russell, Patti Smith, die Talking Heads und Robert Mapplethorpe gestalteten und nutzten eine schillernde und elektrisierende Szene, das aufstrebende New York bot mit seinen unzähligen Clubs und Lofts den perfekten Raum dafür, Aids hing bald wie ein Damoklesschwert über dem sexuell freien und forschenden Treiben und riss viele Protagonisten in den Tod, und Underground-Disco war der Soundtrack der Stunde. An genau diese sinistre, aufgeregte Atmosphäre schließt nach Hercules And Love Affair nun auch der Brite Christopher D Ashley mit einem bemerkenswert originalgetreu klingenden Album an.
"Cruel Romantics" verbreitet geradezu idealtypisch die Stimmung, die Spätgeborene in der so hedonistischen wie verhängnisvollen vergangenen Zeit vermuten, und holt sie damit ungeahnt frisch in die Jetztzeit. Die Platte hat einen so zwingenden wie smarten Groove, ist so matt wie treibend, sie verarbeitet Wave-Anleihen von Depeche Mode, ist aber gleichzeitig ungleich stimmungsvoller als schnöder Pop.
Es ist Underground-Disco, wie dieser Stil zu seinen besten Zeiten war und eigentlich unwiederbringlich verloren schien. Es ist Clubmusik, die die Kraft hat, bei richtigem Einsatz die Atmosphäre ganzer Clubs umzudeuten. Und es macht deutlich, dass es weniger einen großen Instrumentenpark als vielmehr einen feinen Sinn für Stimmungen braucht, um wahrhaft große Popmusik zu produzieren.
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