Sebastien Tellier
»Sexuality«
[Record Makers / VÖ: 21.04.2008 ]
Text:
Sebastian Ingenhoff
In Sachen Sex lässt sich Sebastien Tellier, ganz in der Tradition großer Franzosen wie Gainsbourg oder Dutronc, bekanntlich kein X für ein U vormachen. Konsequenterweise veröffentlicht der haarige Songwriter nun eine ganze Konzeptplatte zum Thema Sexualität.
Schon am Anfang wird hier so lüstern gestöhnt, dass sich dagegen Gainsbourg & Birkins Beischlafduett, ja, sogar der libidinöse Chicago-House-Klassiker "French Kiss" von Lil Louise wie ein CSU-Parteitag ausnehmen. Man muss Sex schon irgendwie mögen, um diese Platte von vorne bis hinten durchstehen zu können. Das ist nichts für Muffel. Also, raus aus den Klamotten.
Und nichts wie rein in den CD-Player. Mit der CD, natürlich. Erstes Lied: Stöhnen. Zweites Stück: breite Timbatunes-Pharrell-Synthiechords. Darüber seufzt ein Marvin-Gaye-Soundalike auf Helium, der klingt, als hätte er drei bestrapste Mätressen auf sich sitzen. Nicht uninteressant, aber fast schon ein bisschen zu cheesy. Danach braucht man jedenfalls erst mal 'ne Kippe.
Die Stücke sind allesamt von Daft Punks Guy Manuel de Homem-Christo produziert. Tellier huldigt immer noch den großen Chansonniers, lässt das Ganze aber durch viel R'n'B und Elektronik aufpimpen. Das anfängliche Downtempo verleiht den Songs ein satinartiges Korsett. "Divine" zieht die Zügel dann schon merklich an.
In Frankreich gab es Schelte, weil in dem Song, der kürzlich bei der Chanson-Europameisterschaft den sportlichen 19. Platz belegte, größtenteils auf Englisch gesungen wird. Der Staatsminister für Frankophonie war jedenfalls not amused. Die Singleauskopplung "Sexual Sportswear" ist rein instrumental und klingt ein bisschen, als hätten Daft Punk den alten Fahrstuhlhit "Magic Fly" der Popelectronica-Pioniere Space neu geremixt. Mit "Une Heure" folgt eine sanfte Ode an die Bisexualität. Dann das Highlight des Albums, "Fingers Of Steel", wo Tellier über einem butterweichen Housebeat und einer mitreißenden Siebzigerjahre-Synthieorgel so croont, als gelte es, ganz Montmartre zu bestäuben.
Überhaupt ist die zweite Hälfte der Platte wesentlich stärker als der Anfang. Zum Beispiel "Manty" mit der halb summenden, halb kichernden Frau im Hintergrund. Über was die wohl lacht? Ob dem bärtigen Bub da ein kleines Malheur passiert ist? Soll ja vorkommen. Jedenfalls ist Sex wohl immer noch wichtig. Aber zum Glück ist jetzt erst mal Fußball-EM.
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