Mark Stewart
»Edit«
Text:
Felix Klopotek
Ein schräger Vergleich, aber nicht von der Hand zu weisen: Mark Stewart hatte vor 20, 25 Jahren für die Popmusik die Bedeutung, wie sie heute noch The Melvins für den Rock haben.
Stewart verkörperte ein hochgradig idiosynkratisches und hypernervöses Künstler-Ego, das Popmusik ausschließlich als Material für endlose Dekonstruktionsketten verwendete. Dub, Punk, HipHop, Soul, Industrial, Krautrock, die Montagetechnik der Musique Concrète - Stewart bündelte das zu einer absolut schlüssigen Aussage. Wahnsinn! Stewart war damals - zunächst mit der Pop Group, dann als Solokünstler - musician's musician schlechthin. Er lieferte den Blueprint für TripHop und Drum'n'Bass.
Man muss es noch mal erzählen, denn Stewart hat, anders als die Melvins, längst nicht mehr die Präsenz vergangener Tage. Und das nicht erst seit ein paar Jahren. Sein letztes Werk, das wirklich auf der Höhe der Zeit war, erschien 1990! "Edit" hätte ebenfalls vor zwanzig Jahren erscheinen können. So klobig und wuchtig, so bräsig-bratzig klingen die Electro-Sounds. Die Maschinen-Rhythmen sind zackig-ungelenk, Stewarts tiefe Stimme hat immer noch diesen unterkühlten Wave-Touch. Und das Parolenbrüllen zu schrillen Alarm!-Alarm!-Sounds, das kennen wir doch von Public Enemy (in ihrer "klassischen" Phase).
Spricht das gegen Stewart? Im Gegenteil. Stewart ist ein Virtuose, ein begnadeter Handwerker, der im entscheidenden Moment seinem Wahnsinn freien Lauf lässt und nicht mehr kühl kalkuliert. Es gibt eine hysterisch implodierende Coverversion eines alten Yardbirds-Hits: "Mr, You're Better Man Than I". Man hört, wie sehr Stewart es liebt, über das Ziel hinauszuschießen. Im Gegensatz zu den New- und No-Wave-Klonen aus New York und Berlin merkt man dem Briten (der seine Zeit übrigens in Berlin verbringt) das Blut, den Schweiß und die Tränen an, die seine Musik kosten.
Nur: Seine Zeit, das waren die 80er, das muss man akzeptieren. Es ist ja wirklich verwirrend, er, der allen voraus schien, kommt halt auch nicht aus seiner Haut. Dass er zehn Jahre nach seinem schlechten Album "Control Data" wieder zurück ist, unbeirrt!, ist schon die beste Nachricht.
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