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Kelley Polar

»I Need You To Hold On While The Skye Is Falling«

[Environ / Al!ve]

Text: Sebastian Ingenhoff

Morgan Geist hat in einem Interview mit diesem Magazin mal gesagt, er vermisse in der elektronischen Musik oftmals die Seele, "das lebendige, menschliche Element, ja, wenn man so will: die Liebe".




Geists Produktionen, sowohl die als Solokünstler als auch die mit Metro Area, sind stets um Wärme und Liebe bemüht. Man arbeitet mit Streichern, Piano, live gespielten Basslines und nicht zuletzt auch mit Gesang, der bei vielen Elektronikproduzenten mit Tunnelblick auf den pulsierenden Dancefloor doch recht verpönt ist. Die Platten des von Geist betriebenen House- und Discolabels Environ kann man blind kaufen. Im Backkatalog des Labels gibt es, soweit ich weiß, keine einzige schlechte. Das Label folgte stets, mehr als die ungleich hipperen Kumpels von DFA, einem roten Faden. Die regelmäßig auf Environ veröffentlichenden Künstler lassen sich an einer Hand abzählen. Da wären neben Metro Area und Morgan Geist eigentlich nur noch Daniel Wang und Kelley Polar.

Letzterer hat vor ein paar Jahren mit "Love Songs Of The Hanging Garden" eines der schönsten, schmachtendsten Popdisco-Alben in der Geschichte der Tanzmusik abgeliefert. Die verhuscht-soulige, fast androgyne Stimme, die trotz ihrer Überfülle nie zu kitschig wirkenden Streicher und nicht zuletzt die seltsamen melancholischen Texte trugen die Liebe im Geist'schen Sinne zurück auf den Tanzboden. Im letzten Jahr meldete Polar sich mit der "Chrysenthemum"-EP zurück und wirkte weltentrückter denn je. Das in instrumenteller Hinsicht unglaublich reduzierte Titelstück mit dem voluminösen Gesang mutete, wenn man die Bässe ein wenig rausdrehte, fast a-cappella-haft an. Ja, man konnte sich bildlich vorstellen, wie der schüchterne Junge in einer Holzhütte irgendwo weit vor den Toren New Yorks saß und in Thoreau'esker Einsamkeit Blumen in Töne überführte. Das war erst mal nichts für die Disco.

Die beiden EP-Stücke befinden sich nun auch auf dem neuen Album. Was soll man sagen? Es ist ruhiger als der Vorgänger. An die späteren Prefab Sprout muss man manchmal denken. Viel Rätselhaftes ist dabei, und das gar nicht mal im negativen Sinne. Polar arbeitet mit Theremin-Effekten, die Stimme wird mehr denn je als Instrument verarbeitet, Songstrukturen werden zerbröselt. Offensichtliche Hits gibt es erst mal nur einen: das mit Clare de Lune gesungene magische Duett "Entropy Reigns". Zu viel Entropie führt, wie nicht nur Thomas Pynchon weiß, zum Wärmetod des Universums. Und dem wirkt Kelley Polar nach wie vor entgegen. Nach wie vor mit aller Kraft und Liebe.




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aus Intro #160 (Mai 2008)
 
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