Ja König Ja
»Die Seilschaft der Verflixten«
Text:
Martin Büsser
[40 Kommentare]
Auf "Die Seilschaft der Verflixten" geben sich Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels wilden Text-Assoziationen hin. Selten wurde in deutscher Sprache so eigenwillig getextet. Doch die losen Gedankenketten passen hervorragend zur Musik.
Und die ist ziemlich geschmeidig geworden. Streicher, gedämpfte Bläser, eine schöne Portion sophisticated Pop, zu dem sich auch Ebbas ebenso geschmeidige Stimme bestens einfügt, die mal an Electrelane ("Du giltst an allen Orten") und mal an Nico ("Ach, Golgatha!") erinnert - was wiederum Parallelen zu Michaela Melián und F.S.K. aufweist. Aber all das ist Namedropping, welches nicht wirklich weiterhilft. Viel interessanter ist die Tatsache, dass Ja König Ja mit Sprache auf eine Weise spielen, bei der nicht ganz klar ist, ob es sich dabei um reine Lautmalerei handelt, die jeglichen Sinn verweigert, oder ob hier tiefere Bedeutungsebenen schlummern. "Nicht zu scheitern ist für Götter, und Heroismus bin ich leid", heißt es im Titelstück. "Grenzen wirst du hier nicht finden, auf keinem Weg, den du durchsuchst, ein großer Sturm ist durchgebrochen, das ist die Stimme des Begehrens (...) wir werden nie vernichtet, nie zerstört." Irgendetwas verstanden?
Ja König Ja erklären: "Die Texte schwanken zwischen freier Assoziation und der bewussten Verwurstelung und Weiterspinnerei von Gedanken, zu denen nicht selten das eine oder andere literarische Werk den Anstoß gegeben hat." Wobei "literarisch" nicht unbedingt Kafka, Thomas Bernhard oder Robert Musil bedeuten muss. Jakobus hat sich auch schon von Rudolf Sacks "Biss auf Biss" inspirieren lassen, einer Anleitung für Angler.
"Stimme des Begehrens" wiederum klingt nach Foucault, nach acht halbverdauten Semestern Poststrukturalismus und Gender Studies. Oder ist das jetzt auch schon wieder zu viel Interpretation? "Der Text von 'Jedes Wort' von der letzten Platte", erklärt Ebba, "verdankt sich zu einem großen Teil Foucaults 'Ordnung des Diskurses'." Also doch! "Einem angenehm quatschigen Text mit dieser leichten Spur Größenwahn, wie wir es gerne haben. 'Die Stimme des Begehrens' (die in unserem Stück ja auch die Stimme des Aufbegehrens ist) war bei der Entstehung nicht als bewusste Anspielung intendiert. Daran sieht man aber auch, wie es funktioniert. Wir haben also selbst - wenn man so will - die Anspielung auf Foucault nicht verstanden. Also ja: Wir sind uns sicher, dass die Texte auf mehreren Ebenen funktionieren, weil sie größtenteils sehr offen gehalten sind. Ein befreundeter Journalist sagte unlängst: 'Keine Ahnung, was ihr da singt, aber ich find's spitze.' Mit so einer Reaktion können wir mehr als gut leben."
Ohne Romantik, Pathos oder Sentimentalität haben Ja König Ja eine Sprache gefunden, die klingt, als würde das Unterbewusste permanent außer Kontrolle geraten brabbeln. Das ist mutig und weit von aller Statement- und Befindlichkeits-Lyrik entfernt.
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lazy boy 26.04.2008 | 22:26:50
na, noch keiner gehört die tolle platte?
outroid 27.04.2008 | 09:43:47
this place is full of spies!
doch.
Es ist eine tolle platte.
lise 27.04.2008 | 09:50:41
war früher lustiger
vollkommen furchtbar.
Reverend 27.04.2008 | 10:26:32
war immer aufrichtig
Es ist wie schon bei Ebba: Drei Songs kann ich mir geben, den Rest leider nicht ertragen. Diese ständigen, fast schon reflexhaften Jubelarien aus der Journaille bei jeder neuen Veröffentlichung dieses verkopften Kunstprojekts sind mir nicht ganz einleuchtend.
Ich verstehe diese holprige Musik einfach nicht.
wahr 27.04.2008 | 10:28:21
Hausmeister TUWP
vollkommen furchtbar tolle platte. hab ich aber noch nicht gehört.
wahr im zusammenfassungswahn ab
wahr 27.04.2008 | 10:37:28
Hausmeister TUWP
jakönigja erschließt sich sehr gut, wenn man sie mal live sieht. da merkt man dann, dass zum kopf auch der körper gehört. sehr charmant. humorvoll und sympathisch. auf platte haben sie das nicht immer so ideal hinbekommen, aber platte ist ja auch ein medium, und bühne ein anderes. "ebba" hat mir sehr gut gefallen, hatte aber für mich eine recht kurze halbwertzeit. wenn ich irgendwann mal wieder eine phase habe, wo ich stereolab/ high llamas/ beach boys höre, dann wird auch "ebba" punkte sammeln können.
veileicht ist JaKönigJa auch eine typisch hamburgerische geschichte, die sich nicht jedem erschließt, der den humor darin nicht erkennt. es gibt/gab da ja noch andere (side-)projekte aus dieser ecke (cow, la hengst, rellöm), die ähnlichen humor pflegen, mal subtil, mal etwas derber.
alles bands, die man mal live gesehen haben muss, um sie gut zu finden. ich freue mich jedenfalls daruf, wenn jakönigja mal wieder in meiner nähe aufschlagen.
bailterspace 27.04.2008 | 10:40:09
No More Rock & Roll For Yo
Jubelarien? Wo denn das? JaKönigJa bleiben mal wieder unterrepräsentiert und unterschätzt. Großartiges Album. Und holprig auch gar nicht. An was für Stellen? Hat doch mitunter sogar einen sehr schönen Groove. Nee, nee, neben FSK eine von zwei famosen Platten in deutscher Sprache, dies Jahr. Die tollere von beiden, sogar.
wahr 27.04.2008 | 10:51:41
Hausmeister TUWP
leider war die tour zu "ebba" wohl erbärmlich schlecht besucht. ich hörte, die band selbst war über die mangelnden zuschauerzahlen etwas frustriert. auch in kiel, in der ehrwürdigen "hansastr. 48", kamen nur ein paar people, was mich erstaunt hat, weil "ebba" durchweg sehr positiv besprochen wurde.
tidbit 27.04.2008 | 11:27:38
(@_@)oO0°*´¸.•’´¯)i°♥
bei bailterspace unterschreib
meteo 28.04.2008 | 14:27:27
nacknacknack of the free world
bei tidbit unterschreib
wahr 28.04.2008 | 14:59:48
Hausmeister TUWP
bei wahr unterschreib
Legoland 28.04.2008 | 15:20:32
Legolize it!
tolle platte! alle die etwas anderes behaupten müssen endlich mal aufhören (zur "ebba" gabs damals den claim in anzeigen zur veröffentlichung, der "hört auf!" hieß).
denn das hier ist richtig groß. begeistert mich (fast) noch mehr als fsk oder subtle tease, die erste oval oder kpt. kirk & (in der presse genannte vergleiche), und auch die texte sind alles andere als das "blubbern des unterbewussten" (martin büsser), nein, das hier sind die wiedergänger einer hamburger schule, die sich diversifiziert, in verschiedene wissenschaftszweige getrennt hat, und jakönigja werden hiermit für eine professur berufen, deren name noch zu entwerfen wäre. drama! poesie! untergang! wiederkehr! die ganz großen themen halt.
outroid 28.04.2008 | 18:23:22
this place is full of spies!
wenn lise, die presseinfo gelesen hätte, wäre sie vielleicht anderer meinung.
ohne hier was unterstellen zu wollen.
ansonsten bin ich mit legoland.
lise 28.04.2008 | 18:31:00
war früher lustiger
ich lese keine pressemitteilungen. von niemandem. was soll der quatsch denn. bei musik. ich bitte dich.
Reverend 28.04.2008 | 19:27:59
war immer aufrichtig
Aber was heißt denn "unterschätzt" und "unterrepräsentiert"?
JaKönigJa sind der Inbegriff einer Liebhaber- und Kritikerband. Einige wenige - darunter viele Journalisten oder andere Menschen aus der Branche (s. v. Lowtzow) - lieben sie.
Aber die Konzerte bleiben eben auch für immer und immerdar "erbärmlich schlecht besucht" (w.ahr). Solche Bands gab es schon immer. Das ist nun mal kein Pop, sondern Kunst. Für mich groovt das auch nicht (wie z.B. Stereolab grooven).
Das kann man natürlich weder ihnen noch dem (kaum vorhandenen) Publikum vorwerfen. Aber "unterschätzt" oder "unterrepräsentiert" trifft den Punkt einfach nicht.
Legoland 28.04.2008 | 19:40:39
Legolize it!
wohl grooven die! wohl nämlich!
bailterspace 28.04.2008 | 22:53:56
No More Rock & Roll For Yo
Ja, voll grooven die. Voll nämlich! Lego hat recht. Eindeutig und für jedermann feststellbar bei: "Die Seilschaft Der Verflixten", "Du Giltst An Allen Orten", "Die Herrin Der Balustrade", "Man Könnte Es Auch Anders Sehen", um nur die plakativen Beispiele zu nennen. Eigentlich ist da noch erheblich mehr an Groove zu diggen.
Unterschätzt aber auch voll. Es gibt zwar für jede Platte Kandidaten, die diese schätzen, aber wenn Langweiler wie z.B. die Foals abgefeiert werden und die großen Geschichten bekommen, eine Band wie JKJ, die - unabhängig davon, ob man sie mag - zweifelsohne spannende neuartige Popmusik, ja, Popmusik, macht, hingegen mit einer erweiterten Rezension abgehandelt wird, dann kann man schon von unterschätzt und unterrepräsentiert sprechen. Unterschätzt auch gerade vom Büsser, von dem ich das echt nicht erwartet hätte. Auch wenn kaum jemand auf JKJ-Konzerte geht spricht das für Unterschätzung.
Klar sind JaKönigJa keine Massenkapelle, und man kann sich unter Liebhabern durchaus wohlfühlen usw., es stimmt gleichfalls, daß viele der "Richtigen" zu diesem Liebhaberkreis gehören, aber das heißt ja nicht, daß die Band nicht mehr Lobhudelei verdient hätte.
Man lobhudele JaKönigJa!!!
Aber die paar "Richtigen" (die ja naturgemäß stets wenige sind) machen für mich noch keine Kritikerband, und Belege für die Jubelarien ist der Reverend noch immer schuldig. Ich würd mich ja freuen, welche zu lesen. Auf satt.org ist ein feines Interview.
brotvielfalt 29.04.2008 | 01:17:10
Flitzpiepe
Da muss dem geschätzten Reverend entschieden widersprochen werden.
Natürlich sind JKJ unterschätzt und vor allem unterverkauft.
Was bringt es den Musikern, die offensichtlich soviel Herzblut reinstecken, wenn immer nur die gleichen Pappnasen lobhudeln und auf die Konzerte gehen.
Siehe auch "Lee Buddah", und gab's da nicht mal einen passenden Thread zu?
lazy boy 29.04.2008 | 13:03:56
ach herr rev, um welche drei für dich erträglichen lieder handelt es sich denn eigentlich? tät mich mal interessieren.
Schockboss 29.04.2008 | 13:20:30
State of Shock
kommt der wieder mit stereolab, man man man, unser quality user
tidbit 03.05.2008 | 01:36:36
(@_@)oO0°*´¸.•’´¯)i°♥
zudem stereolab schon seit langem nicht mehr so geil am grooven sind wie früher. ok, live gehts noch mit/bei denen, aber auf pladde ....
und schlecht besuchte konzerte von für mich guten bands sind mir die liebsten
jkj sind spitze,
egal wo und wann und wie und &
peterbourbon 04.05.2008 | 00:33:23
Ich finde die Platte super, aber kann auch verstehen, dass es Leute gibt, die sie doof finden. An vielen Stellen schlummert diese noch bei "Ebba" durch Befreiung verstecktere intellektuelle Überbeanspruchung - oftmals auch in wirren Floskeln endend. Die lesen halt viel. Sowas wie "Sphären" aus dem Munde der Durstewitz zu hören, find ich teilweise wirklich schon übertrieben ESOllektuell.
Aber das Ganze hat etwas sehr intimes und schönes, so nicht gehörtes. Wie gesagt, ich mag das Ding sehr gerne. Und ich lese nicht.
wahr 04.05.2008 | 11:38:36
Hausmeister TUWP
diese "intellektuelle überbeanspruchung" kommt zu einem teil wahrscheinlich daher, dass man in unserem kulturkreis (nenn ich jetzt mal aus hilflosigkeit so) oft bestrebt ist, die sprache und ihren inhalt zur gänze deuten zu wollen, bevor sie überhaupt eindruck machen darf. sprich: man hat das gefühl, alles sofort verstehen zu müssen und ihre bezüge vollständig durchdringen zu müssen, und wenn einem das nicht gelingt, ist der ungewisse zustand so unerträglich, dass man sich überfordert fühlt. dabei ist lyrik und poesie (und durstewitz macht ja genau das) eben nicht nur auf die eine weise interpretierbar, sondern lässt dinge in der schwebe und im unklaren. oft weiss noch nicht mal der autor, was er da zusammenlyrikt. gilt für die musik von jakönigja genauso. diese offenheit und ungewissheit muss man (also zumindest ich) dann einfach aushalten und zulassen, ohne gleich alle referenzen abzuhaken (stereolab, high llamas, etc.). klingt wahrscheinlich banal und ist es wohl auch, oder?
bka 06.05.2008 | 17:00:15
@wahr: Jawoll, genau darum gehts. Die texte sind eben nicht angestrengt oder verkopft sondern vollkommen frei, assoziativ, fließend und eben offen. Niemand wird gezwungen etwas bestimmtes zu verstehen, sondern die Struktur oder die Landschaft ist so gestaltet, das jeder seines dareinlegen oder darin finden kann. Das ist dann nämlich wieder Poesie. Im Gegensatz zur Tagebuchschreiberei vieler anderer Deutscher Schreiber die immer so grauenvoll 1:1 sind (kann natürlich auch schön sein, ist aber oft recht schlicht). Hier kann man schauen, den Blickwinkel ändern, wieder etwas anderes entdecken.
hasenscheisse 07.05.2008 | 00:45:10
also ich weiss nicht, ich würde dieses bemühen vielleicht gern mitgehen, aber irgendwie fehlt dem ganzen sehr viel an spannung und trieb, auf mich wirkt das so belebt wie ein durchschnittliches lehrerzimmergespräch. es fehlt jede bindung an farben und elemente, und durch das emphasieren des hangs zum eigenen, sicherlich total wichtig richtigen manifest wird das ganze nur unerträglicher. ob das dann ein bissi verschämt ironisch gebrochen ist - scheissegal. es riskiert nix, es funkt nix. musik für menschen die alt geboren wurden. und live am allerschlimmsten.
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