BEWERTEN
 

Die Radierer

»Der andalusische Bär«

[ZickZack / Indigo / VÖ: 18.02.2008 ]

Text: Frank Apunkt Schneider

Die aktuelle Verkunstgeschichtung des (Post-) Punk verschweigt meist ein bisschen zu beredt eine seiner zentralen Subversionsstrategien: die Verweigerungshaltung gegenüber dem vernünftigen Diskurs über die Welt, in dem sich die Vorläufergeneration Mitte der 1970er in die kontrollgesellschaftliche Praxis einzuüben begann.


Während die Ex-Hippies gewissenhaft an der ganz persönlichen Meinung als Eintrittskarte ins falsche Bewusstsein arbeiteten, versteiften sich viele der besseren (Post-) Punk-Gruppen auf das Abfackeln völlig absurder Behauptungen und eben mal so dahingesagter Abfuhren an die verantwortungsvolle Rede. Und in den besten Fällen besaßen diese Post-Punk-Behauptungen nicht mal einen Subjektivitätskern, waren also kein Ausdruck eines ernsthaft gemeinten persönlichen Anliegens, sondern Search'n'Destroy-mäßiges Danebenbenehmen in einer Welt aus Zeichen.

In der linksliberalen Leitkultur der damaligen BRD war das um Längen radikaler als alle für die Straßenkampfversion von bürgerlicher Subjektivität gedachten Mollie-Bauanleitungen bei Slime.
Die Radierer gehörten zu den konsequentesten Vertretern dieser Strategie und waren außerdem einer von vier wirklich essenziellen NDW-Beiträgen der mittelhessischen Kleinstadt Limburg an der Lahn. In eigenartig laschen Reimzwangtexten entwarfen sie unausgewogene, überdrehte und halbschwachsinnige Porträts jener Thematisierungen, über denen die bürgerliche Vernunftavantgarde mit Sorgenfalten-zerknautschter Günter-Grass-Miene grübelte. Porträts, die eher Kinderzeichnungen oder den noch knapp für schädlich geltenden Comics - leider wurden Comics ja um 1981 vom Computer als bildungsbürgerliches Kinderkontrollverlust-Panik-Item verdrängt - ähnelten.

Die Radierer entwarfen Pop-artige Sprechblasen, in der die großen Weltprobleme knallbunte und beliebig abrufbare Spielmarken spätkapitalistischer Wirklichkeit waren. Damit stellten sie eher intuitiv als absichtsvoll die Kausalordnung wieder her, die der linksliberale Meinungsidealismus leugnen zu können glaubte, indem er behauptete, dass sich die Welt ver- bzw. \"ausbessern\" ließe, ohne deren politische Ökonomie grundlegend anzutasten. Die alte Pop-Leidenschaft für die Oberfläche der Dinge wurde dabei noch mal gebrochen durch eine Mimikry von Gedankentiefe, die ebenso oberflächlich blieb wie bei Grass und Co., die aber ihre Banalität und Naivität genoss und stolz vorzeigte. Das war nicht nur kein programmatischer Ernst, sondern ebenso wenig programmatischer Unernst (also Verarschung als eine zweite Form von Ernst wie in Satire oder Parodie).

Als Gegenteil von Ernst/Unernst wurde Trash, Camp bzw. die \"Popform\" eingeführt, die eben damals noch längst nicht wirklich als neue Form von Ernst und Staatsraison erahnbar war. Und all das funktioniert erstaunlicherweise und mit nur unwesentlichen Abstrichen auch noch in der jetzigen Popernst-Epoche, in der soeben die fünfte Platte der Radierer erscheint, nach mehr als 20-jähriger Bandpause übrigens. Darauf zu hören sind 15 Trash-Statements über alles Mögliche inkl. Sextourismus, die weder unmittelbar in der Affirmationshölle landen, die Trash doch längst geworden ist, noch in der Affirmationshölle \"Kritik\" abkacken.



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aus Intro #158 (März 2008)
 
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