Neigungsgruppe
»Godnight Vienna«
[Trikont / Indigo / VÖ: 21.01.2008 ]
Text:
Oliver Minck
Der Wiener an sich gilt je eher als granteliges Geschöpf, das große Freude daran hat, sich schlecht zu fühlen. Selbstmitleid, Selbstmord und Sarkasmus gehören zu den Lieblingsgenres des Wiener Lebensgefühls. Die Neigungsgruppe Sex, Gewalt und gute Laune, bestehend aus vier Moderatoren des hocherfreulichen österreichischen Radiosenders FM4, möchte diesem Gemüt mit ihrem Debütalbum musikalisch Ausdruck verleihen und knüpft dabei an an eine vergessen geglaubte Tradition: dem Wiener Lied.
Zur Hälfte handelt es sich dabei um Eigenkompositionen, die andere Hälfte besteht aus Coversongs, eingewienerte Versionen tendenziell depressiver (Indie-)Pop-Klassiker von den Bright Eyes, Nine Inch Nails oder Nick Cave. Die Instrumentierungen sind eher schlicht gehalten, gezupfte und geschrammelte Gitarren zu programmierten Schlagzeugbeats, die dank verhallter Rimshots klingen wie aus einem Früh-NeunzigerAlleinunterhalter-Keyboard.
Lustig, wie da zum Beispiel das verzweifelte \"Lua\" von den Bright Eyes zum waschechten, lakonischen Wolfgang-Ambros-Austropop-Schlager wird. Und auch \"Fuck forever\" von den Babyshambles muss dran glauben: \"G'fickt für immer\" erweist sich bei der Neigungsgruppe als trotzige Arbeitslosenhymne. Gut, dass die Neigungsgruppe prinzipiell schon mit Ernst an die Sache geht, so entfaltet sich der skurrile Humor sozusagen erst auf der Metaebene.
Seht ihr euch eher als Stadtmusikanten, oder wollt ihr den Wiener Dialekt zurückbringen in ein, sprachlich gesehen, gesamtdeutsches Pop-Bewusstsein?
Wir wollten unsere Heimatstadt abbilden mit allen Klischees die im Falle von Wien meistens auch alle stimmen. Wien ist wie ein Abbild der Welt. Wien ist eine einzige Pose der Intensität. Ein Drama und ein Festspiel eine Manifestation der schönen Scheiterns. Dazu war der Wiener Dialekt unerlässlich. Aber wir sind keine Sprachfetischisten. Der Dunst der Stadt ist der eigentliche Hauptdarsteller der Platte.
Und seid ihr nun also die Retter des Wienerlieds? 0der doch eher des Austropos? Oder ganz anders?
Retter des Wienerlieds? Schön! Es ist uns gelungen, einem alternativen Publikum ein wenig die Furcht und die Scham vor der eigenen Identität, die sich ganz einfach so immens in der Sprache manifestiert, zu nehmen. Wir machen im Grunde das was Nick Cave nun auch schon seit hundert Jahren tut. Wir nehmen uns alter Folklore an peitschen sie ins neue Jahrtausend. Wir machen Blues.
Dann nennt uns doch bitte noch drei Wienerische Platten, die man kennen sollte
Helmut Qualtinger \"Qualtinger's böseste Lieder\" - Eine Wienerliedsammlung, die von der Stimmung her Slipknot wie Kinderjausenclowns aussehen lässt. Des Weiteren: Falco \"Einzelhaft\". Auf Falco verzichten geht nicht. Seine erste Platte atmet auch 25 Jahre nach der Erscheinung das konzentrierte Wien. Und Hermann Nitsch \"Komposition für Orgel\". Stellvertretend für all die Narren und Verrückten, die in und um Wien so schön ihre Wurzeln schlagen können und dürfen. Und die nur in Wien so liebevoll gehasst werden können.
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