BEWERTEN
 

Jens Rachut

»Der Seuchenprinz Teil II. Joe.«

[Nobistor]

Text: Frank Apunkt Schneider

\"Der Seuchenprinz Teil II\" ist der zweite Teil von Jens Rachuts Hörspieltriologie, wobei der erste als \"Teil III\" und der dritte als \"Teil IV\" firmiert (Letzterer erscheint ebenfalls dieser Tage). \"Teil I\" wurde nicht vergeben. Volumezahlenmystik, als könne die allgemeine Unübersichtlichkeit nur noch durch launige Gegen-Unübersichtlichkeit erzählt werden.


Dabei ist das Storyboard doch vergleichsweise klar: Nicht näher spezifizierte Außerirdische schaffen in einer Art Abschlussarbeit im Rahmen einer nicht näher spezifizierten Ausbildungssituation die Erde incl. Leben und seiner Formenvielfalt. Heißt: Der Schöpfungsakt vollzieht sich nicht mehr im Rahmen der alten Männerphantasie \"Gott\", der, als Mischung aus Albert Speer und Jackson Pollock, in sechs Arbeitstagen sein Werk ganz aus sich selbst heraus hingeschlonzt haben soll. Vielmehr ist ein unüber- und -durchschaubares Unternehmen am Werk, an dem mindestens genauso vieles unklar, vage und unbestimmt bleibt wie an und in jedem beliebigen kontrollgesellschaftlichen Unternehmen cirka der Gegenwart.

\"Der Seuchenprinz\" aktualisiert damit die uralte und kernpatriarchalische Vorstellung von Gott als Frühkapitalisten und erstem FDP-Wähler in genau der Weise wie klassische Expropriateur-zentrierte Vorstellungen vom Kapitalismus und von Kapitalist und Kapitalistin zumindest oberflächlich obsolet geworden sind. Im Rahmen dieser Schöpfungsmaßnahme geht natürlich dann auch noch etwas spannungsstiftend schief, wegen trial and error und weil Lehrjahre ja schließlich keine Herrenjahre sein können, was sich im Rahmen des zweiten Teils (der vierte und letzte ist soeben erschienen, liegt mir aber genauso wenig vor wie der dritte) allerdings nicht vollständig erschließt. Diese Idee würde sich vielleicht als OberschülerInnen-Geistesblitz dahinschleppen, lieferte sie nicht eine weitere und zum überwiegenden Teil gut geeignete Folie für jenen spezifischen Weltekel, wie ihn Rachut bereits auf zahllosen Platten mit Angeschissen, Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut, Kommando Sonne-nmilch und Oma Hans kultiviert hat: In der Welt sein heißt, grob gesagt, sich durch zahlreich zur Verfügung stehende, aber stets unpraktikable Ideen von Würde und Humanität zu scheitern.

Anders aber als die meisten serienmäßigen Camusschen Ekelpakete - zum Beispiel aus dem Umkreis der Social-Beat-Literatur - verliert Rachuts Horror so gut wie nie die Ursache-Wirkungs-Verstrickungen eines solchen Scheiterns aus dem Blick. Er verteidigt damit die nicht immer einfache und selten eindeutige Einsicht, dass die spezifische Widerwärtigkeit und Unerträglichkeit der Lebensweisen wie der Beziehungen und Beziehungsformen Produkte einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis sind. Sie sind eben keine ontologische Konstante im Sinne eines allgemeinmenschlichen überhistorischen Schicksals - Vorstellungen, die fast immer aus der kulturkonservativen, sprich: rechten Ecke kamen (oder an sie anschlussfähig waren). Sie halfen, die eigene gesellschaftliche Praxis zu decken (meistens stammten ihre ApologetInnen aus dem Umfeld der gesellschaftlichen Oberschicht) und zu verklären qua Verdrehung der Tatsachen ins Menschlich-Allzumenschliche.

Rachut setzt gegen erkenntnisfaule Lebensekel- und Weltverachtungsroutine die Frage, wie sich die Verhältnisse in den in ihnen produzierten Lebensweisen wieder spiegeln, selbst wo konkrete Lebensweise und die Allgemeinheit der sie umschließenden Verhältnisse es hinkriegen unauflöslich zu erscheinen. Und das funktioniert hiermit also auch in Form eines Sci-Fi-Trash-Hörspiels, das sich allerdings als postmodernes Durchschnittshörspiel präsentiert, sich nämlich erstaunlich treuherzig und bieder in den Hörspiel-state-of-the-art einreiht: den FM Einheits-Brei. Dafür ist die außerirdische Unternehmenshymne, die irgendwo ca. hörspielmittig gesungen wird, ein eindeutiger Fall für die Jahrescharts 2007. Na, bisschen spät jetzt schon ...



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aus Intro #157 (Februar 2008)
 
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