BEWERTEN
 

Miss Kittin

»Batbox«

[Groove Attack / VÖ: 18.01.2008 ]

Text: Wolfgang Frömberg
[5 Kommentare]

Von wegen Sister of Mercy. Miss Kittin kennt keine Gnade mit den Retrospektiven. Dank Wichtcraft ravet sie auf den Flügeln der 80er durch gotische Kathedralen mitten ins Zentrum der düsteren Gegenwart. \"Emily\"-Zeichner Rob Reger liefert die dazu passenden Bilder.


Tröstlich, dass eine Ära nach kollektiven, vom Markt diktierten Revisiting auch wieder brauchbar wird für ganz persönliche Gefühle in einer vom Allgemeinplatz überschatteten Nische. Die 60er, 70er und 80er kamen ja schon ein paar Mal zurück, letztere allerdings nie so schön intensiv wie im Soundtrack zu Richard Kellys \"Donnie Darko\" (nicht umsonst ein Film über Zeitreisen, Liebe, Tod und Katzenjammer...). Im letzten Jahr hat Robyn mit ihren auf Herzschlag getunten Eighties-Collagen zwischen früher Madonna und Lisa Dalbello plus kühler Wave-Ästhetik ein Album hingelegt, dass dem von manchem Hype gehörnten Autor dieser Zeilen die im Sinne der Popweisheit verschwendeten Lebensjahre rauschhaft durch die Glieder trieb wie ein beflügelter Homerun über eine Rolltreppe gegen die Laufrichtung - irgendwie passend, stellt doch eine Rolltreppe nach Heidegger das lineare und kreisrunde Verstreichen der Zeit gleichsam dar, wobei die Kreisbewegung im Verborgenen bleibt.


Im Verborgenen der Nacht bewegen sich auch gerne Miss Kittin und ihre Schwester, die von Rob Reger ans Licht der Welt gesetzte Comicfigur \"Emily the Strange\". Und sie kreisen um sich selbst, wie unangepasste Mädchen das eben gerne tun. Die beiden haben sich aber insoweit vom Fleck gerührt, dass sie nun endlich bei Tage aufeinander treffen konnten. Reger zeichnet verantwortlich für die Fledermäuse auf dem Cover zu Miss Kittins zweitem Soloalbum \"Batbox\", die Emily-Ästhetik ist unverwechselbar. Und die französische Chanteuse, DJ, Produzentin, Performerin Caroline Hervé haucht gleich im Opener was von schlafenden Vampiren und Hexen, die die Macht übernehmen. Wer nicht sofort Trockennebel in gotischen Kathedralen riecht, dem sollen Scherenhände wachsen.

Beruhigend, dass wir es eher mit einem Komplementärstück zu Robyn zu tun haben, mit ausgefeilten tanzbaren Popstücken samt allen jetzt zur Verfügung stehenden Mitteln auf der Basis tief eingeatmeter früher Ideale - und nicht etwa mit gepimptem EBM ohne Rückfahrkarte ins dritte Jahrtausend. Eiskalte Handclaps, Bässe wie Schläge ins Gesicht, Kickass-Lyrics: \"Batbox\" verhält sich zu trashigem Elektroclash wie die Violent Femmes zu den Straßenkapellen auf der Kölner Schildergasse. Und wenn im Song \"Pollution of the Mind\" Anne Clarke und Ofrah Haza miteinander zu verschmelzen scheinen, ist es doch bloß eine sehr geistesgegenwärtige Miss Kittin, die sich die Pfötchen leckt und die Krallen ausfährt. Sicher nicht nur für mich die Platte des Monats.



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  • User: interzeptor
  • interzeptor 01.02.2008 | 16:45:30

    batbox fängt schon beim matt & glanzschwarzen digipak an spaß zu machen - und auch die songs & sounds machen richtig laune - inhaltlich lässt sie einen dann aber doch öfter auch mal auf dem boden der realität aufschlagen - und das immer mit ihrer unwiderstehlichen stimme. wow.

  • brotvielfalt 02.02.2008 | 01:57:17
    Flitzpiepe
    Sieht zumindest ganz wertig aus, obwohl ich den Emily-Kram ja albern finde. Gehört aber noch nicht.

  • User: LongJan
  • LongJan 05.03.2008 | 22:25:53
    Riesenlöve
    Ich finde die Musik zwar eigentlich immer ein bisschen wichtiger (und die gefällt mir hier sehr gut), war aber dennoch überrascht, wie schön die Verpackung ist. Gatefold Doppel-12" mit farbig bedruckten Hartkarton-Innersleeves, und die gabs sogar für unter 16 Eur. Und alles in dieser Glanzlack-auf-Mattschwarz-Optik - lecker!

  • frostpfote 06.04.2008 | 21:02:14

    wurde mir vom supportwürdigen local dealer auf nachfrage nach etwas elektronischen gestern in die pfote gedrückt.
    bin ungemein angetan und lecke mir die zuckenden pfoten nach dem melt-auftritt.
    sehr schöne rezension im übrigen, herr frömberg!

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