BEWERTEN
 

Die Ärzte

»Jazz ist anders«

[Hot Action / Universal / VÖ: 02.11.2007 ]

Text: linus volkmann
[2 Kommentare]

Für & Wider
Schachtel, Schachtel, Schachtel! Die CD (mit Bonus-Mini-CD) kommt in einer kleinen Pizza-Schachtel. Toll, da kann ich ja demnächst auch meine Drogen reintun. Aber mal zu den Ärzten. Die machen einem als drögem Autoren schon bisschen Angst. Denn im Gegensatz zur wohlfeilen Meute anderer Popstars merken sie sich auf ewig schlechte Kritiken, falsche Ansprachen und ähnliches. Um das dann immer wieder mal \"im Spaß\" auszupacken. So gesehen im letztmonatigen großen Ärzte-Special in der INTRO, äh, der Visions natürlich. Sowas hinterlässt Eindruck.


Der Ärzte-Status kompletter Unangreifbarkeit ergibt sich eben auch aus Akribie, Zurechnungsfähigkeit im Wahn und ihrem eigenen Empire. Also dem eigenen Label, den Solo-Karrieren, dem über Jahrzehnte immer wieder aufgefrischten Claim \"der besten Band der Welt\". Da möchte man erst gar nicht gegen anrennen, da möchte man sich eher mit einrechnen dürfen. So wie wenn die schlimmsten B-Promi-Vögel bei Pro7-Shows versichern, dass sie Justin Timberlake lauthals cool finden. Um ein bisschen mit im Licht zu stehen. Und die Ärzte machen es einem ja auch leicht, man braucht nicht Nostalgie und Wohlwollen (wie bei so vielen anderen noch aktiven Dinosauriern), um eine Single wie 'Junge' wirklich beeindruckend gut zu finden. Also mal zur Sache: 'Jazz ist anders', wer denkt da nicht an den vor zehn Jahren verstorbenen Totalkünstler Martin Kippenberger und sein Werk 'Jazz zum Fixen'? Sicher kaum einer, dabei führte Kippenberger Ende der 70er auch mal das SO36, den legendären Szene-Laden, der auch für die frühe Karriere der Ur-Ärzte einen Initiationstempel darstellte. Ach, und ein Baustein mehr in dieser halbseidenen Analogie mehr: Sein Credo lautete ja \"Durch die Pubertät zum Erfolg\". Und wenn das nicht auf die Ärzte passt, dann weiß ich auch nicht.

Jetzt soll es aber mal raus: 'Jazz ist anders' ist eine gute Platte - aber sicher keine der besten der Band. Bela'sche Knittelreime, die man ahnt, wenn sie im Anflug sind, finden auf 'Licht am Ende des Sargs' eine echte Vollendung - und man denkt, \"mmh, den Song will ich nie mehr hören müssen\". Die Ironie in 'Breit sein' besitzt etwas so unsubtil moralisches, dass man den Song auch getrost vergessen kann und bei diesen zwei bleibt es nicht auf der persönlichen Skip-Liste. Dazwischen finden sich aber neben der überragenden Single doch noch Highlights zum Merken. Die Calexico-Ballade 'Nur einen Kuss' bringt es und am Ende kann man sich auch noch mit Bela versöhnen. Der schrieb mit 'Tu das nicht' ein Stück, das offensichtlich von der \"Raubkopieren = Knast\"-Kampagne inspiriert wurde. Große Leistung in der Tonalität, die aus der Sicht des Beklauten aber schon auch leicht dekadenten Musikers erzählt. Und sich in der Ansprache an die eingeknastete Tauschbörsen-Ente wendet. Jene stirbt im Lied zum Schluss als Verbrecher und bekommt noch einen mit: \"Und es läuft keine Musik auf deiner Beerdigung - so!!!\" Musikalisch ist die Platte vielseitig, dabei aber etwas konzentrierter als der Heterogenitäts-Overkill ihres letzten Doppel-Albums 'Geräusch'. Genug gesagt? Fast: Ich möchte noch für diese Ärzte-Datei folgendes Medium melden. In der Indigo Notes vom November wird den frustrierenden Suff-Prolls von den Dimple Minds bescheinigt, sie seien \"lustiger als die Ärzte\". Ja, am Arsch! Das bitte notieren und den Kollegen in zehn Jahren überraschend noch mal vorlegen.



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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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  • User: baddiel
  • baddiel 11.11.2007 | 18:30:02
    der erstbeste bin ich!
    ich sag ja selten "och nö, danke", wenn es darum geht, ein paar superlative zu verteilen.
    aber mit verlaub: "junge" ist die single des monats.

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