Jeffrey Lewis
»12 Crass Songs«
[Beggars Group / Rough Trade / VÖ: 05.10.2007 ]
Text:
Martin Büsser
New Yorker Boheme-Folk trifft auf britische Landkommune und sorgt so für Verknüpfungen, die eigentlich längst auf der Hand lagen. Oft ist darüber spekuliert worden, ob es sich bei der New Yorker Anti-Folk-Crew tatsächlich um eine politische Bewegung handelt oder doch nur um eine neue Form des Songwriter-Individualismus.
Dabei war es zugleich unglaublich erfrischend, dass Künstler wie Jeffrey Lewis und Kimya Dawson keine \\"Fuck Bush\\"-Slogans schmetterten, sondern \\"Politics\\" über andere menschliche Umgangsformen vermittelten, die wiederum in einer besonders fragilen, zarten, zurückhaltenden oder entwaffnend ehrlichen Musik ihren Ausdruck fanden. Dass dies immer auch ein Statement gegen die Machthabenden, ja gegen die Arroganz der Macht schlechthin gewesen ist, macht Jeffrey Lewis nun mit seinem vierten Album für Rough Trade deutlich, das ausschließlich aus Coverversionen der britischen Anarchopunk-Legende Crass besteht.
Die kämpferischen Nummern für absolute Selbstbestimmung und die Abschaffung jeglicher Autoritäten und Ideologien - damals heiß diskutiert, weil Crass auch radikale Anti-Kommunisten waren - sind von kläffendem Punk in melodische Psych-Folk-Nummern transformiert worden. Erstmals wird das Pop-Potenzial von Crass hörbar, die so groß wie The Clash hätten werden können, wenn sie es denn gewollt hätten. Doch Lewis \\"kommerzialisiert\\" die großen Verweigerer nicht, sondern spiegelt deren Musik in der Tradition der amerikanischen Linken: Woody Guthrie, Bob Dylan, The Fugs und Pearls Before Swine klingen hier durch und sorgen so für einen transatlantischen Brückenschlag, der den Anarchopunk der Endsiebziger mit dem Boheme-Folk der Sechziger verzahnt und beides auf die Gegenwart zurückstrahlen lässt. Obwohl Lewis eigentlich einen historischen Schritt zurückgeht, nämlich Punk über den New-York-Sound der Sixties neu interpretiert, erhalten Crass-Klassiker wie \\"Do They Owe Us\\" oder \\"Punk Is Dead\\" eine die Jahrzehnte überdauernde Gültigkeit. Vielleicht liegt das unter anderem daran, dass der Sixties-Folk im gegenwärtigen Pop omnipräsent ist und sich dadurch im Gegensatz zum wütenden Rumpelpunk von Crass inzwischen weniger anachronistisch anhört. Es liegt aber auch daran, dass Lewis alles Keifende aus der Crass-Musik entfernt hat und mit seinem weichen Ansatz für politische Verbindlichkeit sorgt, die Crass durch ihr aggressives Auftreten eher verhindert haben.
Andererseits war aber auch schon 1978 klar, dass es sich bei Crass im Grunde um Hippies handelte - und dies im positiven Sinne, denn nichts war auf lange Sicht kontraproduktiver als der Hippie-Hass der Punkrocker -, die dem Punk-Nihilismus eine positive Botschaft entgegenhalten wollten. Eine Haltung, die später zu Hardcore führen sollte. Diese drei Generationen umfassende Essenz arbeitet Lewis hervorragend heraus und versöhnt sie schließlich ganz ohne Pathos unterm schwarzen Banner der Anarchie.
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