BEWERTEN
 

Andreas Ammer / Console

»Eigentum am Lebenslauf. Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge«

[Intermedium / xx / VÖ: 16.10.2007 ]

Text: Frank Apunkt Schneider

Vieles an der Berliner Republik ist unerträglich, doch unter ihren Top-Zumutungen dürfte der eklatante Mangel an funktionsfähigen Intellektuellen rangieren. Intellektuellen-Platzhalter wie Grass, Schirrmacher oder Ratzinger (immerhin der Nummer-1-Hit der Cicero-Intellektuellen-Charts) nicht eingerechnet. Einer der wenigen noch amtierenden ist Alexander Kluge. Seine kammerspielartigen TV-Interviews ragen tief in die öffentliche Wahrnehmung hinein und sind getragen von einer nicht unpenetranten Beflissenheit, genau diese Leerstelle auch auszufüllen, und zwar durchaus in der Weise von Bauschaum.


Was ihn zur beliebten Angriffsfläche einer (nämlich der deutschen) Kultur macht, die sich ihre historisch bedingte Verachtung (file under: zu spät gekommene Nation) von Reflexion und Kritik mentalitätsgeschichtlich gut einmassiert hat.

Klar gibt es bei Kluge genug, was guten Gewissens nerven kann: der ölige Duktus, das Interessant-Finden noch des letzten Scheiß', das zwänglerische Anbringen von Bildungswissen, das Zutexten der Gegenüber ... Und all das mit jener urbildungsbürgerlichen Stimme irgendwo zwischen einlullend, betulich und begeisterungsfähig. Und dennoch, wenn Kluge spricht, dann spricht er fast nie über Weingüter in der Toscana oder Kirchenschiffe (also Gegenstände, für die dieser Sound einmal erfunden wurde). Sondern er unterbreitet das Projekt einer - Zitat - \\\"Neuen Kritischen Theorie\\\", von der er meint, sie müsse \\\"erzählen können\\\", anstatt bloß zu dozieren.

Besser als das neobürgerliche Verstummen in Des- und Eigeninteresse ist das allemal, zumal im vorliegenden Hörbuch, runtergebrochen auf Consoles stoisch-leidenschaftslos pumpenden Soundtrack, den sich der Opernliebhaber (auch das natürlich eher abschreckend) explizit als - Zitat - \\\"Technomusik, also Generalbass\\\" gewünscht hatte. Die in und von dieser spezifischen Form umgetriebene Frage ist die nach \\\"Lebensläufen\\\" - ein Begriff, der Kluges schriftstellerisches Werk an zahlreichen Punkten quert. Sie sind der Beifang von Geschichte und ermöglichen das Erzählen der Gegenwart und ihrer Vergangenheit als Gegenoffensive gegen die Vereinfachungen und Vereindeutigungen zu Kollektivformationen von Politik, Wahrnehmung und Gefühl. Ein schöne, wenngleich zutiefst bildungsbürgerliche, weil weinselige Idee (und entsprechend ebenso gut brauchbar bei der Umverteilung der Verbrechen des 20. Jahrhunderts im Dienste des National-Identität-Building - vergleiche Guido Knopp). Passabler Talkin' Dubstep kommt aber auf jeden Fall hintenraus.



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