BEWERTEN
 

Einstürzende Neubauten

»Alles wieder offen«

[Potomak / Indigo / VÖ: 19.10.2007 ]

Text: Manuel Czauderna

Es bahnte sich in den Achtzigern schon an. Und erfüllte sich ungefähr Mitte der 90er, als sich die Neubauten endgültig von den Stahlketten des melodieverachtenden Metallfetischismus befreiten. \\"Ende neu\\" hieß das Album der letztgültigen Transformation und trug einen Titel, der als programmatisches Statement zur Band zu lesen war: Mit dem Ausstieg von F.M. Einheit und Mark Chung wurde ein musikalischer und personeller Neuanfang gewagt. Knapp ein Jahrzehnt später erscheint mit \\"Alles wieder offen\\" erneut ein Album, dessen Titel wörtlich zu nehmen ist.


Nein, nicht dass die Neubauten mit ihrem Vorgänger \\"Perpetuum Mobile\\" musikalisch brechen würden. Das Format Song dominiert trotz nicht enden wollender Experimentierfreude. Aber der Albumtitel \\"Alles wieder offen\\" beschreibt einmal mehr die Lage der Band. Erneut von ihren Supportern finanziert, veröffentlichen die Neubauten das neue Album auf eigene Faust, ohne ihre Plattenfirma. Und wenn das nicht aufgeht und wie zuletzt beim Vorgänger keine schwarzen Zahlen geschrieben werden, dann wird es ihr letztes Album gewesen sein, so Blixa Bargeld. Ökonomische Realitäten nennt er das. Schade wär's. Nicht nur, weil ökonomische Realitäten die Zukunft einer Band bestimmen. Schade wär's auch, weil diese Platte richtig gut ist - und ich nach 27 Jahren Bandgeschichte die Einstürzenden Neubauten erstmals für mich entdeckt habe.

Es beginnt mit einem stoisch rauschenden Bass; ein noch zaghaftes, aber dringliches Klavier setzt ein. Blixa besingt die Unbeständigkeit der Wellen, und doch ist der Opener so vorhersehbar wie schön zugleich: Langsam steigern sich Schlagzeug, Klavier und Bass; Bratsche und Cello setzen ein, werden lauter und lauter und dringlicher und noch dringlicher, bis der Opener schließlich auf seinem Höhepunkt bricht und tosend in der Brandung zerschellt. Es folgt das wunderbar zerbrechliche \\"Nagorny Karabach\\", und ich frage mich: Wie kann es sein, dass die Neubauten solche Pop-Perlen einst verschmähten? Gut, es gibt auch schwache Songs wie das zu liedermacherhafte \\"Ich hatte ein Wort\\". Es dominieren aber die großen Momente. Und in Songs wie \\"Let's Do It Dada\\" hört man die erfrischende Spielfreude der Neubauten. Ansonsten gibt es herrliche Basslinien (auch in \\"Nagorny Karabach\\"), hypnotische Beats mit insistierenden Wortwiederholungen (\\"Weil weil weil\\"), Neubauten-typische Ausuferungen mit viel Metall (\\"Unvollständigkeit\\") und Dialoge mit der Vergangenheit (für \\"Susej\\" wurde eine alte Gitarrenspur von 1982 verwendet). Also, ein weiteres Album bitte noch. Das wäre super. Ich habe euch doch gerade erst gefunden.



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