BEWERTEN
 

Devendra Banhart

»Smokey Rolls Down Thunder Canyon«

[XL Recordings / Beggars Banquet / Indigo / VÖ: 11.09.2007 ]

Text: Thomas Venker

Wieder ein sehr schöner Albumtitel von dem Mann, der uns u. a. bereits dieses Highlight fürs überforderte Langzeitgedächtnis lieferte: \\"Oh Me Oh My ... The Way The Day Goes By The Sun Is Setting Dogs Are Dreaming Lovesongs Of The Christmas Spirit\\". Der Canyon aus dem aktuellen Titel könnte jener in der Nähe seines Hauses bei Los Angeles sein, das Heiko Behr für seine Homestory aufsuchte, um einzutauchen in die Ganzkörpererfahrung Banhart. Denn eine solche ist der Mann. Und auch \\"Smokey Rolls Down Thunder Canyon\\".

Devendra Banharts Geheimnis ist, seine Musik als Suche anzulegen. Man hat (fast) nie das Gefühl, einen fertigen Song vorgesetzt zu bekommen, sondern einen Trip dahin - und meistens kommt man auch nicht an. Es sind offen mäandernde Songs. Songs, die ihre Wunden nicht im Aufnahmeprozess peu à peu kaschieren, sie aber auch nicht effekthascherisch ausstellen - was nahe liegend, aber auch billig wäre: nein, sie sind einfach da. Dadurch haben wir es mit lebendigen Songs zu tun. Man hört sie geradezu atmen, spürt die Anwesenheit des Künstlers. Das liest sich jetzt so profan, aber diese Ehrlichkeit ist erstens verdammt riskant und zweitens unheimlich schwierig, spannend umgesetzt zu werden. Deswegen ist diese Tatsache gar nicht hoch genug zu bewerten. Und es muss auch mal das Wort gegen die Auslegung als hippieesk erhoben werden: Wer kam eigentlich irgendwann mal auf die Idee, alles Freie, zumal vorgetragen von Künstlern mit wehenden, ähm, Klamotten, als hippiesk zu bezeichnen? Völliger Quatsch.


Aber bitte auch das hier nicht falsch verstehen: Natürlich agiert Banhart nicht völlig im freien Raum, er simuliert ihn nur hervorragend. In seinen besten Stücken spielt er mit Momenten der Wiederkehr, bringt Motive wieder und wieder, arbeitet mit Refrains, aber sie kommen einem immer eine Spur freier vor, als man das sonst so kennt. Das macht sie umso wertvoller. Die Hits fliegen einem dabei nicht so schnell zu wie bei anderen Songwritern, dafür haftet ihnen später aber das Gefühl an, dass man einen Trüffel gefunden hat. Auf dem Vorgänger \\"Cripple Crow\\" war für mich irgendwann das dritte Stück das zentrale geworden: \\"Heard Somebody Say\\". Das neue Album habe ich noch nicht oft genug hören können, um einen abschließenden Befund zu bringen, aber sowohl das zweite Stück, \\"So Long Old Bean\\", als auch das siebte, \\"Shabop Shalom\\", könnten es werden, das eine wegen seines naturalistischen Gestus', der stark noch am Sound des Vorgängers klebt, das andere wegen dieser unglaublich hittigen Latino-Hispanolastigkeit, die Großteile des Albums prägt. Das macht es so beschwingt. Banhart weiß aber um die Manu-Chao-Gefahr und bricht den Purismus des mittelamerikanischen Einflusses mit krautigen Texturen, Garage-Rockismen und Gospelausflügen.

Ich frage mich bei Banhart immer, ob ihm das Glück oder doch das Pech der späten Geburt zuteil geworden ist: Wäre er in den 70ern ein ganz großer Superstar geworden? So was wie Neil Young? Oder wäre er untergegangen im damaligen Meer solcher Künstler-Künstler-Typen? Wahrscheinlich sollte man solche Spekulationen einfach nicht anstellen und sich schon gar nicht anmaßen, eine Antwort geben zu können. Egal. Hier ist sie: Devendra Banhart hätte auch damals herausgeschienen, wäre erkannt worden und heute Headliner beim Rock am Ring - und viele Kinder würden seinen Namen tragen. Aber auch heute traue ich ihm zu, noch einen weiten Weg zu gehen. Wir haben es hier mit einem unberechenbaren Künstler zu tun. Davon gibt es immer weniger. Und vielleicht haben wir deswegen verlernt, ihnen gut zuzuhören - was eine Schande ist, denn wir schaden damit hauptsächlich uns selbst.

\\"Smokey Rolls Down Thunder Canyon\\" ist sehr gut abgeliefert. Ein Abenteuer von Album, ein Trip in bester Timothy-Leary-Tradition. Viele, die ihn schmeißen, werde nicht wieder zurückkommen auf normale Hörpfade - die anderen haben sich einfach nicht geöffnet und verpassen nicht weniger als das Leben. Im Rahmen einer irgendwann zu schreibenden Retrospektive wird das aktuelle Album nicht zu seinem Hauptwerk zählen, denn dafür, und das hört man jedem einzelnen Song an, ist bei Devendra Banhart noch so viel mehr drin. Wenn alles gut geht, kommt er letzten Endes doch noch an. Und dann werden Tränen fließen.



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