Reykjavík!
»Glacial Landscapes, Religion, Opression & Alcohol«
Text:
Tobias Mull
&
Skuli Sverrisson
Sería
&
Jóhann Jóhannsson
Dís
Beide 12 Tónar / Cargo
Reykjavík. Es mag wie ein Klischee klingen, diese Kolumne isländischer Musik mit dem Namen der Hauptstadt zu beginnen. Aber alle drei Alben drehen sich irgendwie um diese Stadt. Skuli Sverrisson hat dort den Großteil seines \\"Sería\\" eingespielt, Jóhann Jóhannsson bezeichnet \\"Dís\\" als \\"my Reykjavík Album\\", und Reykjavík! - nun ja. Letztere sind auch sonst eher direkt. Wo Sverrisson und Jóhannsson ästhetischen und ätherischen Sounds nachspüren, schweinerocken Reykjavík! einfach geil. Doch der Reihe nach:
\\"Sería\\" ist das zweite Album von Sverrisson, und mit Bass, Gitarren und Streichern malt er mal bedrohliche, mal schwerelose, aber immer erhabene Melodien in den Nachthimmel. Manchmal verirrt sich eine sanfte Stimme auf die Tracks. In \\"One Night Of Swords\\" sprechsingt dann sogar Laurie Anderson - und ist dabei ähnlich ergreifend wie ihre Liebe Lou Reed am Anfang des Antony-And-The-Johnsons-Stücks \\"Fistfull Of Love\\". Die Musik von Jóhannsson ist ähnlich gelagert. Er setzt mehr auf Keyboards und Komposition, klingt jedoch auch eher kontemplativ - allerdings hier nicht so abgrundtief abgehoben wie auf seinem letztjährigen Werk \\"IBM 1401 - A Users Manual\\". \\"Dís\\" stammt bereits aus dem Jahre 2004 und war damals für den Icelandic Music Award nominiert: eine oft an die 80er-Jahre erinnernde Reise durch die Straßen einer Stadt.
Keine Ahnung, ob Jóhannsson bei seiner Reykjavík-Hommage auch an die isländische Band Reykjavík! gedacht hat, die so ganz anders klingt als die Herren mit ihren Plings und Sounds. Die fünf Jungs spielen, nun ja, einfach geilen Schweinerock und haben dabei auf ihrem Debüt einige Momente, die bleiben. Wenn zum Beispiel bei \\"7-9-13\\" nach etwas mehr als zwei Minuten die Gitarren plötzlich so excuse-me-while-I-touch-the-sky-mäßig durchdrehen. Herrlich. \\"You Always Kill\\" klingt dann sehr emotional nach den späten At The Drive-In - und ist vielleicht sogar so etwas wie ein Liebeslied. Ach, darum dreht es sich ja eh in der Rockmusik und in der Musik überhaupt: viel zu früh und immer wieder: Liebeslieder.
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