BEWERTEN
 

Brandstifter

»Brennen ab das Haus«

[Picture 7-Inch / Kernkrach / VÖ: 10.08.2007 ]

Text: Frank Apunkt Schneider

&
A Certain Frank
'Nowhere'
Ata Tak / Broken Silence


A Certain Frank ist ein nun auch schon wieder langjähriges Gemeinschaftsprojekt zweier ehemaliger Mitglieder der NDW-Kunstband Der Plan. Stärker bzw. klarer als bei früheren Alben versucht sich das aktuelle Lounge-Electronica-Irgendwas an einer (entlang der selbstgesteckten Parameter gelungenen) luftig-atmungsaktiven, bei aller Opulenz nirgends gestopft wirkenden Geschmacksfülle, die mit einem Bein bereits im Wellness-Metier Wurzeln geschlagen zu haben scheint. Eine sanfte und unbedrohliche Überwältigungsästhetik auf dahingehuschten Grooves - klingt wie ... leider habe ich die entsprechenden Platten alle sofort wieder vergessen, aber es gibt sie, und zwar durchaus zuhauf ... Diese mit aufdringlich-unaufdringlicher Bescheidenheitsgeste aufgebauschte Entrückung scheint aber gänzlich anders aufgestellt zu sein als bei etwaigen historischen Referenzmodellen (seien es nun sich im Unendlichen verfahren habende KrautrockelektronikpionierInnen der Nach-Kluster-Zeit, Chill-out-Funktionsmusiken oder die HochklassikerInnen des Ambient-Genres, etwa Brian Eno), denn \\"Nowhere\\" ist nirgends spleenig oder auch nur über den Umweg der mit ihrer Herbeihalluzinierung verbundenen Intoxikationsrituale gefährlich, ist kein Produkt bekloppter Durchbruchsversuche zu welcher Otherside auch immer, das \\"die Systemfrage\\" (Guido Westerwelle) wenigstens noch qua verpeilter Esoterikutopien stellen würde.

Es ist stattdessen konzentriertes und kontrolliertes, ja, exakt durchgerechnetes Dösen oder auch Wegduseln, ohne irgendwelche Grenzen dabei auch nur zu streifen. Es ist Musik gewordener 15-Minuten-Schlaf zwischen zwei anstrengenden Realitätssitzungen. Eine ausschließlich System-ergonomische Dienstleistung und damit einmal mehr Feng-Shuizid an einer wie auch immer verschwommenen Gegenkultur. Entsprechend lautet die vom Infozettel ausgegebene Utopie-Verkleinerung: \\"Wir wünschen allen so viel Wärme und Entspannung wie möglich beim Empfinden der Musik.\\" Das ist natürlich wiederum weiches Wasser auf die Mühlen des \\"Wir müssen das, was wir unmöglich wollen können, fordern, um das Mögliche zu erreichen\\"-Imperativs der großen Koalition aller mit allen. Und im zutiefst kunstsinnigen Versuch, das Autorensubjekt hinter der Selbstverständlichkeit der Form zu verstecken, dann doch eine Autorenplatte mit Autorenmantras, sehr im Unterschied zu den sympathisch fließbandesken Produktionen aus der Meditations-Unterstützungs-CD-Parallelwelt, die wenigstens so subversiv sind, GEMA-freie Musik zu performen - zwar aus ausschließlich funktionalen Gründen, aber immerhin. Entsprechend der Titelidee \\"Nowhere\\", das auch als \\"Now here\\" gelesen werden kann (worin immerhin der Entspannungshäppchencharakter gut getroffen wäre), ist diese Platte ein emblematisches Vexierbild: schön und zugleich doch irgendwie niederschmetternd.


Der Brandstifter dagegen - hier aus rein heftökonomischen Gründen mit dazu besprochen - ist ein Spätgeborener der NDW-Zeit. Seine erste Kassettenveröffentlichung datiert auf 1983 und damit in die erdrutschartige Niedergangsphase der ersten deutschen Kassettenszene. Seine aktuelle Picture-EP verteidigt in Zitaten (der Titel ist die verbeulte Eindeutschung eines Talking-Heads-Klassikers, und das Cover zitiert die erste Swell-Maps-LP) und in Gesten den Erkenntnisstand jener Zeit, in der Dissidenz einfach, handlich und fasslich im Machen von Egal-was herzustellen war.

Ebenso als Künstler wie als nicht unwichtiger Netzwerk-Organisator des nicht-institutionalisierbaren Kunstuntergrunds mit undefiniert offenen Grenzen zu den unendlichen Weiten des Kleinkunsthandwerkschnickschnack-Kosmos' arbeitet er aufopferungsvoll am Weiterbestand von in die Jahre gekommenen ästhetischen Gegenszenenwelten, damit die demnächst nicht endgültig vom Netz genommen werden. Auf \\"Brennen ab das Haus\\" wiederum reanimiert er den State of the Art des Genres NDW-Kassetten mit überstürzten und mit Leidenschaft an jeglichem Markt vorbeiproduzierten Casio-Drumcomputer-Attacken, die sich durchaus unterscheiden von den Produktionen der sogenannten Minimal-Szene (in der er mittlerweile anerkannt ist), die sich seit gut zehn Jahren um die Verehrung für irgendwelche holprigen Synthiepop-Tapes von 1981 und 1982 geschart hat und dieses Fandom nun in zumeist äußerst verzagten, planen und schlappen Selbstgenügsamkeitscombos sublimiert, ohne auch nur in Hörweite ihrer ohnehin grell überbewerteten Originale zu gelangen.

\\"Brennen ab das Haus\\" fängt dagegen durchaus den Geist jener Kassetten ein, und an ein paar Stellen gelingt sogar die Fokussierung dieser Energien, auch wenn das genuine Antriebsmoment, die gefühlte Nuklearapokalypsen-Vorzeit, heute natürlich fehlen muss (und daher einen ungefüllten Ort im Inneren dieser Stücke hinterlässt), wo Zukunftslosigkeit kein menschheitsgeschichtliches, sondern nur noch ein individualbiografisches Problem ist.



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aus Intro #153 (September 2007)
 
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