BEWERTEN
 

Animal Collective

»Strawberry Jam«

[Domino / Rough Trade XXxx / VÖ: 09.08.2007 ]

Text: Joachim Henn

Bestimmt gab es einmal eine Zeit, in der Musik mehr war als Dudelfunk im Kaufhaus, Dauerbeschallung und omnipräsente Tapete in Aufzügen und U-Bahnhöfen oder Emotionsverstärker in Fußballstadien. In der Musik nicht als ein Produkt unter vielen der puren Reproduktion des ewig Gleichen und Erhaltung des Status quo diente und, um es im Jargon zu sagen, nicht \\"Thema\\" war, sondern \\"Erfahrung\\" meinte, vielleicht sogar eine kollektiv erlebte. Daran erinnern Animal Collective im Zeitalter der Entmaterialisierung der Musik. Sie erzählen die Geschichte einer Band, die sich live selbst und mitsamt dem Publikum wegtragen lässt, die das klassische Nächstes-Stück-Applaus-Zugaben-Medley aufzulösen scheint, und dabei geschieht etwas, was bei manchen schon mal in epiphanische Zustände münden kann. Die Alben stellen den Versuch dar, den Reifeprozess des Materials abzuschließen, um zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon längst wieder zu neuen Ufern aufgebrochen zu sein. \\"Neuerfindung\\" ist das Wort, dabei entwickeln sie sich nur asynchron zum Zirkus und gemäß ihrer eigenen Parameter. Bislang jedenfalls.


\\"Strawberry Jam\\" speist sich verstärkt aus elektronischen Klangquellen, der Gesang ist weniger verfremdet, weiter nach vorne gemischt, die Produktion deutlich komprimierter und glatter, das Ganze aber detailgespickter und, wie immer: freak-out. Panda Bears Soloalbum \\"Person Pitch\\" scheint noch recht nah, der AC-Vorgänger \\"Feels\\" auf rein klanglicher Ebene nicht mal mehr in Reichweite. Die Essenz dessen, was diese Band ausmacht, bleibt trotz veränderter Mittel spürbar.

Was live Spannungsbögen auf viel ausgedehntere und verspieltere Weise aufbaut, findet sich hier konzentriert auf ganze 26 Sekunden wieder, ehe sich die verschwurbelten Rhythmen im Opener \\"Peacebone\\" zu einem dichten Strang gebündelt haben. Bei \\"Reverend Green\\" oder dem großartigen \\"Fireworks\\" entfaltet die rhythmisch-perkussive Vielfalt (der Mittelteil!) eine treibende Sogwirkung, und der bisweilen hymnische Charakter scheint seine Auflösung stets schon mitzutragen. Avey Tares Gesang, Lead- und Backing-Vocals atemlos zusammenpressend und lautmalerisch mit Worten spielend, ist derart demaskiert ein Spiegelbild der Entwicklungsstufe, den die Band erreicht hat: \\"Strawberry Jam\\" legt, von \\"Peacebone\\" und \\"Winter Wonder Land\\" mal abgesehen, all das Wissen um Gitarrenmusik ohne die gängigen Strukturen - auf den letzten Alben mit Gitarren umgesetzt - nun quasi auf elektronischem Weg rückübersetzend frei. Das kommt zunächst in leicht entrückter Popgestalt daher, um mit besagtem \\"Reverend Green\\" einen neuen Anlauf in epischere Gefilde zu nehmen und gegen Ende mit dem verstörenden \\"Cuckoo Cuckoo\\" und dem besänftigenden \\"Derek\\" den Wegbegleiter mit einer Masse an gehörten Eindrücken zurückzulassen.

Mit dem mittlerweile achten Album hätten sie es sich bequem machen und das Spielchen einfach mitspielen können. Sinnigerweise findet sich die Auseinandersetzung mit Alternativen in einem Kommentar zu einem Livemitschnitt auf YouTube wieder: \\"I'm thinking of quitting my job and seeing them in N. Mexico. WTF is money anyway, how long can this go on?\\" Wer kann das schon wissen? Ihnen noch einen schönen Abend und eine geruhsame Nacht.



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