Muff Potter
»Steady Fremdkörper«
[Universal / VÖ: 18.05.2007 ]
Text:
linus volkmann
„Der Mensch ist ein Rebell. Er ist aufgrund seiner biologischen Prägung dazu verpflichtet, sich nicht anzupassen. Und genau darin liegt der wesentliche Grund für die schreckliche Spannung, unter der heute die Gesellschaft steht.“ Diese Aussage des Psychologen Robert Lindner bringt einem als sensiblem Menschen natürlich kaum was. Zudem fungiert der Verweis auf Biologismus zumeist als Apologet für tierisches Unrecht in menschlicher Gesellschaft. Ach, und erst der komplett unrebellische Begriff „Rebell“. Nee, das passt natürlich nicht auf Muff Potter, kommt mir aber dennoch in den Sinn. Vermutlich, weil Sänger und Texter Nagel so sehr das Misstrauen gegen sich selbst zur Schau stellt. Mmh, das bringt vielleicht auf die falsche Fährte. Denn Nagel ist zwar Zweifler, aber auch sehr straight, er weiß, was er tut und will, und liebt seine Band, wendet in seiner Kunst aber dennoch den Blick mehr und mehr gegen sich. Und zwar nicht lustvoll oder dröge eitel, sondern mitunter bis zur Selbstverletzung. Ging es auf früheren Alben (bis zum vierten, bis zu „Heute wird gewonnen, bitte“) noch oft und viel und Punk-typisch gegen die Schützenfeste und allgemein gegen die kleinbürgerliche Existenz, ist Selbstkritik nun auch ästhetisch die vorherrschende Kunstform. Musikalisch gemäßigter denn je und ohne abzuwimpen hält Nagel für sich selbst Gericht. „Steady Fremdkörper“ ist eine Platte übers Durchhalten und Weitermachen – wie vielleicht so viele Alben dieser Tage. Nur wirkt sie glaubwürdiger. Wenn Nagel brüllt: „Das Glas hier ist halb voll“, dann, um sich selbst zu überzeugen und dabei trotzdem zu wissen, dass Gutfühling jederzeit vorbei sein kann. Wenn man nicht mehr will oder kann. Aber jetzt will man noch, jetzt wird noch mal gepowert: „Es gibt kein gutes Leben ohne Blasphemie.“ Hochmoralischer Punk-Spirit, der sich selbst und nicht mehr nur die Gesellschaft anbrüllt. Alles steht offensiv zur Disposition – und trotzdem darf das Ergebnis ja nur lauten: „Weitermachen, es schockt noch.“ – „Und genau darin liegt der wesentliche Grund für die schreckliche Spannung, unter der dieses Album steht.“ Und schrecklich meint hier schrecklich schön.
PS: Nach der Lektüre von Nagels Buch „Wo die wilden Maden graben“ (Ventil Verlag) weiß man übrigens einiges mehr über seine Band (ist es doch ein kaum verklausuliertes Tourtagebuch). Hier daher mein Ranking, mit wem von der Band ich am ehesten das Zimmer teilen würde:
01 Gitarrist Dennis – Zurückhaltend, indiesüß, bevorzugt „polnischen Abgang“ von Backstagepartys.
02 Schlagzeuger Brami – Exzentrischer lauter Teddybär.
03 Sänger/Gitarrist Nagel – Aufmerksamkeitsmagnet, aber: von der Skyline zur Borderline?
04 Schredder – Verwegenster der Band. Name sagt schon alles. Sitzt im Hotelzimmer sicher auf dem Gesicht des Schlafenden – und zwar nicht sexuell gemeint.
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