BEWERTEN
 

Digitalism & Justice

»Idealism & †«

[Labels / Emi & Ed Banger / Warner / VÖ: 21.05.2007 ]

Text: T.L. Renzsche

Digitalism zeigen gleich im ersten Track mit erhobener Faust, wo es auf ihrem Debüt langgehen wird: nämlich hinab in die Tiefe der gleichen wilden Disco, in der wir dieser Tage auch oft Leute aus der Ed-Banger-Clique antreffen, jener Clique aus Enkeln von Mr. Oizo, die derzeit alles richtig macht an der Schnittstelle aus Techno, Rock und Electro. „Magnets“, der Opener, rumpelt gleich mal, was die Effekttools hergeben. Mit dem Ergebnis, dass alles, was man an geradliniger Technostruktur aus dem Club kennt, aufgelöst wird – das Stück verliert sich aber nicht, wie man erwarten könnte, in einem Noise-Inferno für Randgruppenmusikinteressierte, die Splitter werden stattdessen zu einem neuen, genauso stringenten Beat wieder zusammengesetzt. Das nennt sich dann wohl Dekonstruktionismus, wenn es so gut gelingt wie hier. Was einst mit zarten Filtern begann und via Flat Eric den Wahnwitz ins House holte, kommt hier wirklich bilderbuchartig rockig in 2007 an. Das nächste Stück, „Zdarlight“, zeigt dann auch gleich die andere Seite von Jens Moelle und Ismail Tuefekci: die schwebende, die tragende. Das hat was vom Modernist. Mit ihm teilen sie das stete Hochschieben der Erregung, das Hinarbeiten auf die letztgültige große Geste, die Klimax. Eine Formel, die sie auf dem Album beliebig wiederholen können, ohne sich dabei wirklich zu wiederholen. Allerdings wird diese Technik bei „Zdarlight“, das zuerst auf einer Compilation aus dem Hause Kitsuné auftauchte und so zum Hit wurde, in einer derartigen Perfektion aufgefahren, dass man nur noch „Rewind!“ schreien will. Überhaupt Kitsuné, eine gute Gelegenheit, um mal die Verwurzelung der beiden Hamburger ins Spiel zu bringen. Denn die Geschichte wollte es, dass lange keiner auf dem Plan hatte, dass Digitalism aus Deutschland kommen. Stattdessen werden sie gerne mal für Franzosen gehalten, oder Belgier, oder auch Engländer. Noch zu erwähnen ist sicher auch der an The Cures „Fire In Cairo“ angelehnte Track „Digitalism In Cairo“. Kein Wunder, dass ein weiterer auch noch „Pogo“ heißen muss (selbst wenn gerade unter diesem Namen dann ein ziemlich krankes Zwischenschnaufen abgeliefert wird), so wild geht es nämlich dank dieser Clique neuerdings wieder im Club zu – und das ist gut so. Machen wir Schluss: Keine Ausfälle. Klassiker.


Und jetzt kommen Justice. Ja, genau die beiden Franzosen, die Simian Mobile Disco mit ihrem Remix von deren Indiegassenhauer „Never Be Alone (We Are Your Friends)“ endgültig im Clubkontext ankommen ließen. Das brachte ihnen MTV-Ruhm und einen eigenen Hype ein. All das dürfte Gaspard Auge und Xavier de Rosnay zu den ersten Superstars im Ed-Banger-Stall machen – und so das Label wohl noch mehr überhitzen lassen, als es derzeit eh schon der Fall ist. Wie hier die Sicherungen durchgebrannt werden, erinnert fatal an Daft Punk. Eine ungeheure Spielwut prägt „†“. Die beiden sind wie kleine Kinder, die man gar nicht mehr bremsen kann, die alles, was vor ihnen steht, berühren müssen, rumdrehen und basteln wollen. Und so funkelt das Album homogen, wie es nur sein kann, schnellt zwischen gefühlvollen Streichern, bouncenden Electrobeats, düsteren Technomomenten und funky Freestyle hin und her. Und wenn man gerade in einem Moment von French-House-Nostalgie denkt, dass das zu cheesig wird, fahren sie gleich wieder eine bratzige Kante und sorgen für Erdung. Vielleicht nicht ganz die Hitdichte wie Digitalism, aber definitiv noch so ein Album namens Klassiker, allein schon für den Mut, den Dancefloor derartig herauszufordern. Vor drei Jahren wurden die noch für bekloppt gehalten und belächelt ...

Achtung: Das Release-Datum hat sich verschoben! '†' wird erst am 20.Juli erscheinen!



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aus Intro #150 (Juni 2007)
 
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