The Apples In Stereo
»New Magnetic Wonder«
[Yep Roc / Cargo / VÖ: 16.02.2007 ]
Text:
Joachim Henn
[3 Kommentare]
1999 brachen die großartigen Olivia Tremor Control auf eine ausgedehnte US-Tour auf, von der sie nie zurückkehren sollten. Das Vermächtnis des Elephant-6-Kollektivs um die beiden anderen Gründungsbands Neutral Milk Hotel und Apples In Stereo wird seitdem trotz seines vermeintlichen Ausstiegs aus der Community auf gewisse Weise verwaltet vom einstigen „Orchesterchef“ und Produzenten Robert Schneider, und das à la bonne heure. Nachdem Neutral Milk Hotel in unseren Breitengraden besonders auf der Insel abgefeiert wurden, melden sich nach fünfjähriger Abstinenz nun auch Schneiders Apples zurück, und etliche Akteure vom mit Psychedelic Pop nur unzureichend beschriebenen Wirkungskreis der Community steuerten einen Teil bei zu diesem Album – darunter auch diverse ehemalige von OTC.
Ähnlich wie beim Meisterwerk „Dusk At Cubist Castle“ Letzterer tritt auch „New Magnetic Wonder“ in einen unscheinbaren Dialog mit dem Hörer. Der vor Enthusiasmus berstende Opener führt von der ersten Zeile „Turn up your stereo“ über die letzte „drown out that bullshit on the FM radio“ mit dem Schlussakkord auf humoreske Art in das Finale einer Live-Aufnahme, bei der die Band von einer empörten Meute zurückgepfiffen wird: „Turn it down! Everything’s feedbacking, can’t you hear it?“ Der Titel des Songs: „Can You Feel It?“. Zunächst lässt die Platte kaum Zeit zum Luftholen, ein Gassenholzer folgt auf den nächsten, etliche davon uptempo, Esprit und gute Laune versprühen eigentlich alle. Dabei blinkt munter alles Zitierte auf, angefangen bei den obligatorischen Beatles („Sun Is Out“ könnte direkt ein verlorenes Stück aus der „Abbey Road“-Phase sein), weiter geht’s mit den Beach Boys, ELO, aber auch den späten Pavement, Blur/Coxon, Magnetic Fields, sogar Oasis, um nur einige zu nennen. Verstörend mag für den Kenner der Produktionslevel sein, der einstmals programmatisch verwendeten 4-/8-Spurtechnik wird eine lange Nase gedreht. Jedoch ließen sich die Essenz von (Indie-) Pop aus der vergangenen Dekade und deren in die 60er- und 70er-Jahre zurückreichenden Traditionslinien in der Machart früherer Apples-Alben nicht derart punktgenau sezieren. Opulent, bisweilen die Grenze zur Überproduktion streifend, hat „New Magnetic Wonder“ die alte Masche, auf diese Art Mängel zu kaschieren, nicht nötig, und die lässige Selbstverständlichkeit ist schon atemberaubend, mit der auf „New Magnetic Wonder“ ein „Hit“ nach dem anderen abgespult wird. Erst mit der zweiten Hälfte und „Sun Is Out“ beginnt das Album ein wenig zu driften, freilich ohne Qualitätseinbußen. Dem stellenweise vorherrschenden Hang zu Bombast und Melodienüberschuss wird entgegengewirkt durch die Interludes, die ebenfalls zum Verständnis beispielsweise von OTC gehörten, also (hier teilweise zu) kurze Klangsequenzen, die Brüche markieren, Räume öffnen und – den Hörer womöglich auf sich selbst zurückfallen lassen. Gleiches gilt für die Multimedia-Ausgabe der CD, auf der mittels Schneiders Elaborat der „nicht-pythagoreischen Musikskala“ die Unterteilung in zwölf Halbtöne aufgelöst sein soll zugunsten einer nicht-logarithmischen Verkürzung der Tonabstände durch geringere Frequenzintervalle. Oder so. Dem Hörer soll jedenfalls ermöglicht werden, bislang „unmögliche“ neue Akkorde zu komponieren. Kurzum: Auch die Ambitioniertheit des „Überbaus“ der Platte droht den Gegebenheiten zu enteilen. Und das ist das Tragische an der Geschichte: Die bekannten Mechanismen des Marktes lassen eine Band wie die Apples im Zweifel nicht annähernd so groß werden, wie sie eigentlich spätestens mit dieser Platte sein müsste. So droht dem Album das gleiche Schicksal wie dem Erzähler im letzten Song „My Pretend“: gegenüber dem Hörer ins Hintertreffen zu geraten. Und doch: Die Platte für den Sommer, der noch auf sich warten lässt, sie ist bereits da.
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Kommentare
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peterbourbon 02.05.2007 | 23:33:35
Wow, tolle Rezension, die sich auch mal etwas Zeit lässt. Hätte ich mir die LP nicht schon vorher gekauft, wäre sie hetzt ein gut investierter Bilndkauf.
ösel 03.05.2007 | 03:10:03
Polterkowski & Söhne
Braucht eine dermaßen selbstverständlich gute Band überhaupt Rezensionen?
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