BEWERTEN
 

Kissogram

»Nothing, Sir!«

[Louisville / Universal / VÖ: 27.04.2007 ]

Text: arno raffeiner

Jim Morrison hat großen Spaß im Computerladen. Zumindest, wenn es nach Jonas Poppe und Sebastian Dassé alias Kissogram geht. Die beiden Berliner Elektropop-Boys lassen den alten Jim zwischen Soundplatinen und MIDI-Keyboards wiederauferstehen, schicken ihn dann, begleitet von Humpta-Humpta-Beats und digitalem Cembalo, weiter ins Zirkuszelt der Poplustigkeiten und singen ihm dort ein Chanson-Ständchen mit Arabesken- und Flamenco-Einlagen. Kissogram sind auf Album Numero zwei also vor allem eines geworden: extrem vielfältig. Nennt es einen Ritt durch die Zitathölle auf Absinth oder wie auch immer. Jimmy hätte bestimmt seine Freude daran. Drei Fragen an Kissogram:


Geht’s mit dieser Platte jetzt endgültig raus aus den Keller-Clubs und rein in die Varietés?
Nein, keine Sorge, wir bleiben in den Keller-Clubs – wir mischen sie nur ein bisschen auf. „Nothing, Sir!“ ist auch keine Humoreske, sondern eine spielerische Herangehensweise an verschiedenste musikalische Elemente, die wir durchaus ernst nehmen.
Es überwiegt eine klassisch angelehnte, nach meinem Eindruck auch absichtlich billig klingende Instrumentierung: Cembalo, Geflöte, Geigen. Spiegelt das generell euren Anspruch wider, so was wie „Instant-Pop-Klassik“?

Was für ein widerlicher Begriff! Wir probieren gerne Instrumente aus, die zur „herkömmlichen“ angestaubten Synthie-Atmosphäre elektronischer Musik nicht passen. Die Zeit der Eurythmics-Oktav-Bässe und der 909-Beats ist für uns vorbei. Vor allem suchen wir nach Sounds, die es nie vorher gab, und werden dabei auch fündig. Die Songs sind nur in dem Sinne klassisch, dass sie durchkomponiert sind und sich an relativ klare Strophe/Refrain-Strukturen halten. Ich würde die Stücke als experimentelle Popsongs bezeichnen.
Wo nehmt ihr all diese seltsamen Charaktere und Geschichten in euren Texten her?

Gute Frage ... Die Charaktere sind zum Teil wir selbst, zum Teil real und zum Teil erfunden. Auch die Geschichten sind zum Teil real (wenn man mal von Märchen wie „Blue August“ absieht), sie sind nur manchmal überspitzt bzw. durch Bilder ersetzt. Oft steckt dahinter eine ganz klare Situation, eine Aufforderung oder Kritik.



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