BEWERTEN
 

Kids On TV

»Mixing Business With Pleasure«

[Chicks On Speed / Hausmusik / Indigo / VÖ: 13.04.2007 ]

Text: Frank Apunkt Schneider

Im Gedankenkäfig des kurzatmigen Plattenrezensionsformates lässt sich natürlich nicht über Sinn und Unsinn von Bezügen und Beziehungsformen bzw. -mustern auf Platten sprechen. Deshalb auch das meist vage, nach klangästhetischen Ähnlichkeitsbeziehungen organisierte Aufzählungsformat. Oder die beliebten Zweckformbegriffe, als sei damit etwas erklärt: „Queer Disco“ im vorliegenden Fall. Die um die Mitte der 80er-Jahre beginnende „Queer“-Bewegung steht für ein Bündel an Ansätzen, die die eigene Abweichung vom heterosexistischen Mainstream (auch innerhalb vermeintlich dissidenter Subkulturen) als politisches Item aggressiv und affirmativ ins Feld führen. Ihre Politisierung findet dabei v. a. über „Signifying“-Strategien statt, verstanden als die selbstbewusste Aneignung jener Begriffe, die von der Moral Majority hervorgebracht werden, um Andersartigkeit markieren und ausschließen zu können. Ihre erste popmusikalische Entsprechung war Queercore bzw. Queerpunk gewesen. Beide reagierten auf den hetero-normativen Machismo in der Punk- und Hardcore-Szene, indem sie per Begriff auf ihr Anderssein hinwiesen. Und sie führten sowohl die lustvollen als auch die bedrohlichen Aspekte einer queeren Seinsweise als Item von Popbegehren und Poppolitik ein bzw. wieder ein, denn in seinen Ursprüngen war Punk ja alles andere als heterosexistische Buddy-Musik, aufgedunsener Pubrock und/oder linksliberales Gewäsch gewesen. In Bezug auf Punk und Hardcore als genuine Äußerungsformen einer weißen Mittelschichts-Rebellion reproduzierte Queercore jedoch zugleich den Ausschluss nicht-weißer Gruppen und ihrer spezifischen Formen von Subjektivität. Immerhin zeigte sich die Queer-Community aber zumindest in der Lage, auf ihre eigene implizite „Whiteness“ zu reflektieren.


Post-Queerpunk-Gruppen wie die kanadischen Kids On TV (oder die befreundeten Lesbians On Ecstasy) wiederum stehen für eine Neuorientierung innerhalb des Queer-Pop, indem sie (nicht ohne die Erfahrung von Punk freilich) popgeschichtliche Modelle verarbeiten, die Artikulationsformen nicht-weißer Queerness gewesen waren, Disco zum Beispiel als (in ihren Ursprüngen wie in ihren späteren Weiterentwicklungen zu House) spezifische Subkultur queerer AfroamerikanerInnen. Disco hatte dabei nie die Aggressivität von Punk, sondern war eher eine hedonistische Form von kulturellem Trojanertum gewesen, die es immerhin fertigbrachte, dem Mainstream auf dem Höhepunkt der Discowelle homoerotische Formen des Begehrens als Stimulans und Soundtrack zum samstäglichen Zwangshetero-Aufriss-Stumpfsinn anzudrehen. Schon früh verkoppelten sich aber beide Modelle in Hybridformen wie Discopunk.
Bei Kids On TV findet sich diese Verknüpfung (die mittlerweile ja ein indiekulturindustrielles Standardformat geworden ist) noch mal in der postgeschichtlichen Draufsicht, die alle möglichen Formen von Punk, Wave, Disco, Glampop, House usw. kennt und auch verstanden hat. Im Zusammenwerfen wird daraus ein Artikulationsort von sexualpolitischem Begehren, dem unterschwellig das Aggressive von Punk und ganz zuoberst das Upliftende von Disco und das Dramaqueenige von Gay-Synthiepop geblieben ist. All das jedoch nicht als zitatförmiger Modeschmuck, sondern wiedereingeführt in den Gegenwartsbezug queerer Kampf-, Frage- und Liebesstellungen. Was heißt, dass sie sich von der ganzen Elektropunk- und Electroclash-Makulatur der letzten Jahre nicht nur darin unterscheiden, dass sie endlich mal wieder einen (unkonstruiert) guten Bandnamen in Anschlag bringen. Dass MySpace ihre Seite ohne Angabe von Gründen gelöscht hat, zeigt, dass hier tatsächlich noch eine Restform von nicht einfach wegzuintegrierender Differenz am Werk zu sein scheint. Weitere Zensurfälle, die von Kids On TV gesammelt und gesichtet wurden, weisen jedenfalls eine auffällige Vorliebe für queere KünstlerInnen seitens MySpace auf.



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