BEWERTEN
 

Karpatenhund & Diverse

»Karpatenhund #3 & Müssen alle mit 4«

[Virgin / Emi & Tapete / Indigo / VÖ: 19.04.2007 ]

Text: linus volkmann
[5 Kommentare]

Als ich Karpatenhund zum ersten Mal sah, konnte ich gar nicht glauben, wie scheiße ich diese Band fand. Im Astagebäude der Uni zu Köln mühte man sich mähend um Kohärenz und Pop und erzeugte nur ein halbgares Schrammelsurium aus Schrott. Mein Urteil für die damals schon hoch gehandelte Kölner Band: Brauch’ gar nicht mehr antreten. Was war das auch für ein elendes Konzept rund um die Band? Die Indie-Spackos von Locas In Love wollten es richtig wissen und casteten eine Sängerin, um sich das Indie-Pop-Biz gefügig zu machen. Träumt weiter, ihr korrupten Anmaßer. Anmaßer, die u. a. bestehen aus Jan Niklas Jansen, dem respektablen Spex-Schreiberfrosch, und Björn Sonneberg, dem Ex-Bayern, den man schon von Emo-Fanzine-Beiträgen über Tod, Sex und Weihnachten kannte. Das plattenfirmige Gerangel um die Band, das bald kolportiert wurde, hielt ich daher auch nur für Talk Talk. Also Geschwätz. Selbst als der sogenannte Bidding War, der um den Act tobte, nicht mehr zu ignorieren war, selbst da wartete ich darauf, dass die Band mit dem doofen Namen endlich wieder beerdigt würde. Es kam aber anders, und bald lag dann tatsächlich diese Platte hier vor. Und schon allein, um mich nicht selbst Lügen zu strafen, erwartete ich nichts Gutes. Doch von wegen. Alles ist erleuchtet, Karpatenhund sind die Positiv-Utopie der Band Juli. Alles, was man dort so heimlich und peinlich mochte, kann man hier genießen, weil es Substanz hat und keinen BWLer-Scheiß darstellt. Quasi nur Hits. Und gleich der erste fragt: „Ist es das, was du wolltest, hast du es so gemeint?“ Nein! Eben nicht. Aber wenn etwas so gut ist, dann bleibt letztlich nur noch: Surrender to Genuss. Und drei Fragen noch hinterher:
Karpatenhund ist ja eine Drei-Fragezeichen-Referenz. Wo finden die drei Detektive das gute Stück denn letztlich?
Natürlich im Swimmingpool. Nicht aber, ohne vorher in einem Wohnblock, der mich ein wenig an mein altes Haus in Köln-Mülheim erinnert, bei ihren Ermittlungen über den Hausdrachen Mrs Bugle zu stolpern, deren krankhafte Neugierde sie via vergiftete Pralinen außer Gefecht setzten, über einen Typen, der meditiert und nachts im Supermarkt arbeitet, und den anderen, der mit brennender Zigarette einschläft usw. – rundherum ein Top-Abenteuer.
Einer bei eurer Plattenfirma erzählte, du sollst bezüglich der ersten Single „Gegen den Rest“ gesagt haben: „So einen Hit, davon schreibe ich dir, wenn ich will, in ‘ner halben Stunde drei.“ Hey, wirklich?
Ich erinnere mich, etwas gesagt zu haben, was in eine ähnliche Richtung geht, aber nicht ganz so auf den Putz haut (und einen Zusammenhang hat). Aber großspuriges Aufschneiden hin oder her: Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir ganz einfache und simple Popsongs spielen, die sich nicht aufschwingen, sich mit Radiohead und Deerhoof ein Battle der abgefahren-komplexen Kompositionen zu liefern. Und diese Art von Song schreiben wir sehr schnell und sind dabei stets begeistert darüber, wie schnell und unmittelbar man Popmusik machen kann. Ich glaube, reduzieren, entkomplizieren, schnell arbeiten und vor allem: sich nicht selbst überhöhen bei dem, was man tut, sich nicht einbilden, es sei Hexenwerk und Wissenschaft, Popmusik zu machen, gehören zu den Lehren, die wir aus Punk gezogen haben.
Du hast mit Karpatenhund und Locas In Love in kurzer Zeit nun zwei Hit-Alben rausgebracht. Mal ehrlich, muss man sich, wenn man zu dir kommt, jetzt trotzdem noch die Schuhe ausziehen?
Nicht jeder Leser wird wissen, dass du dich auf einen Abend beziehst, als in meiner Wohnung ein Wohnzimmerkonzert stattfand, bei dem auch du zu Besuch warst. Die Gäste sollten sich die Schuhe ausziehen, damit sie denen, die gedrängt auf dem Boden saßen, nicht mit den Schuhen über die Hände liefen und ihnen dabei wehtaten. Außerdem war ein relativ hoher Anteil von Party People anwesend, die so enthemmt und fröhlich feierten, als hätten sie eine Glückspille geschluckt. Einer spielte mir im Schlafzimmer aufgeregt kichernd eine Morrissey-Coverversion auf Kassette vor, ein anderer wollte sich unbedingt elektrisch rasieren. In einem solchen Partyzustand denken die wenigsten daran, ihre Schuhe sauber abzutreten. Die Tatsache, „in kurzer Zeit nun zwei Hitalben rausgebracht“ zu haben, hat mich aber in der Tat etwas entspannt. Wenn heute ein Gast mit schmutzigen Schuhen durch meine Wohnung geht, sauge ich später einfach drüber und lasse fünfe gerade sein. Eine neue Coolness dank der Hit-Alben.
Die Antworten gab Björn Sonnenberg


Der perfekte Link zwischen den beiden hier vorgestellten Platten wäre sicher, wenn Karpatenhund auf dem „Müssen alle mit“-Sampler zu finden wären. Sind sie aber nicht. Ha! Das liegt wohl daran, dass die Tapete-Honoratioren hier noch ein bisschen abwarten wollen, ob die Band wirklich Indie-Pop meint und nicht via Chartserfolg doch bloß zu Stefan Raabs nützlichen Idioten geriert wird. So viel ruhige Hand sei dem mittlerweile vierten Teil der „Müssen“-Serie gegönnt. Denn das ist ja auch ihre Stärke. Hier wird man nicht mit dem Status quo plus ein paar Tiefschlägen bedient, nein, hier stimmt einfach alles. Die Song- und Bandauswahl beschreibt das, was momentan in diesem Genre geht. Wer hier nicht dabei ist, ist auch nicht dabei und nicht etwa vergessen worden. Nummer vier stellt dabei vielleicht die tollste Nummer bis dato dar, weil sie so dicht gewebt wurde. Hier passt nichts mehr dazwischen, hier stimmt alles. Mit u. a. einem neuen Jens-Friebe-Song „Frau Baron“ sowie „Männer“ von den Aeronauten und Weiteres von u. a. Bernd Begemann, Anajo, Tele, Geschmeido, Die Goldenen Zitronen. Da schicke ich glatt Gunther Buskies vom Label noch mal eine Mail hinterher. O-Töne sind das Brot des Popjournalismus und kosten keinen Pfennig:
Was ist euer Lieblingssong diesmal?

Jeans Team „Das Zelt“.
Wie problematisch ist es für ein Label wie Tapete, immer wieder als Scout für Major-Firmen zu fungieren? Also dieses VFL-Bochum-Prinzip, dass man Acts zu Szene-Stars aufbaut, sie aber dann nicht mehr halten kann?

Also wenn schon, dann bitte das FC-St.-Pauli-Prinzip. Und dorthin kommen die Spieler dann wieder zurück, wenn bei Bayern München nur Brasilianer und Holländer kicken dürfen ...



Artikel kommentieren
aus Intro #149 (Mai 2007)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 
  • User: devo
  • devo 16.05.2007 | 16:12:51

    wat heiß hier hahaha !?

  • User: debez
  • debez 16.05.2007 | 20:07:04

    diese durchproduzierte band gehört irgnoriert oder verkloppt!

  • User: wolkenwelt
  • wolkenwelt 16.05.2007 | 22:23:35

    "Alles ist erleuchtet,"

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
Anzeige
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •