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Brett Anderson

»Brett Anderson«

[V2 / Rough Trade / VÖ: 23.03.2007 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Daniel Koch, Sebastian Ingenhoff, Daniel Koch

Die Messlatte hängt dieser Tage eher halbhoch für die alten Britpop-Stars aus den Neunzigern. Jarvis Cocker lieferte kürzlich ein in Maßen fulminantes Solodebüt ab, die Platte von Damon Albarn und seiner Allstar-Band war schon irgendwie gut, hat aber keinem wirklich den Kopf abgerissen, und nun kommt auch die Suede’sche Mickymaus Brett Anderson wieder aus ihrem Loch gekrabbelt. Man höre und staune: mit einem Soloalbum! Ohne Bernard Butler. Ohne Richard Oakes. Auch den rothaarigen Schlagzeuger und den Schmollmund-schönen Neil Codling mit dem hypnotischen Blick sucht man vergeblich. Ganz zu schweigen von dem Bassisten mit den langen Beinen, von dem sich nie jemand auch nur den Vornamen gemerkt hat. Brett Anderson, nur mit ein paar Streichern, Piano und Gitarre. Kann das nicht nur in die Hose gehen, frage ich mich da als besorgter Fan.


Liebe Leserschaft, so wahr ich hier vor meiner Anlage stehe in einer taillierten Lederjacke, mir das gescheitelte Haar mit koketter Schwermut aus dem knabenhaften Gesicht streiche und meine Hüfte versucht, zu “Love Is Dead” einen Schwung so hinzubekommen, wie sie es zu “Animal Nitrate”-Zeiten noch galant und weibisch immer geschafft hat: Ich wünschte aufrichtig, ich könnte “nein” sagen. Lange saß ich nun vor dem Rechner und habe überlegt, wie man sich diese elf Stücke schönreden kann. Viel fällt mir leider nicht ein. Lied drei fängt an mit einem Gitarrenriff, wie man es von Danzig kennt. Die Stücke sind fade, die Texte belanglos. Nicht mehr “We kissed in his room, to a popular tune”, sondern “I got to find Jesus in me”. Als wäre er Richard Ashcroft und würde barfuß durch London laufen. Das Highlight des Albums ist noch “Scorpio Rising”, das von den Akkorden her klingt wie irgendein Lied von dem “Dirty Dancing”-Soundtrack. Der “Dirty Dancing”-Soundtrack als positive Referenz. So viel bleibt.
Das beste Stück von Brett Anderson 2007 ist leider nicht auf diesem Album vertreten, sondern befindet sich auf der neuen Platte von Pleasure, denen er hierfür seine Stimme lieh, und heißt “Back To You”. “Pleasure 2” von Pleasure also als die eigentliche Kaufempfehlung dieses Textes. Sorry, Brett. Ich glaube, wir müssen beide mal neue Leute kennenlernen. Du weißt, ich habe dich sehr geliebt. Ich mag immer noch, wie du dein Haar trägst. Aber ich kann nicht mehr. Ich sag’s mit einem deiner Songs, einem alten B-Seiten-Klassiker: “Yes, it’s the end, the final showdown, yes, it’s end of our small love. You’ll have to find another no-one, who takes the shit like I.”
Lass uns gleich mal über den Opener sprechen. Wörtlich genommen startest du deine Solokarriere mit der Zeile: “Nothing ever goes right, nothing really floats in my life.” Das ist schon ziemlich frontal. War das eine bewusste Entscheidung?

Natürlich. Es ist ein starker Track, ich bin stolz, dass er das Album eröffnet. Ist mir egal, wie düster er sein mag. Ich wollte einfach keine lustig-luftige Popplatte aufnehmen, wie das viele andere Künstler aus England gerade machen. Ich wollte einen Song wie “Love Is Dead” an den Anfang stellen, und er sollte tieftraurig und depressiv klingen. Alles sehr hart. Wem wollte ich auch was vormachen? Das überlass ich anderen.
Heutzutage ist es ja so: Man spielt in einer Band, macht zwei Platten, dann kommt die Best-of, und man startet seine Solokarriere. Ich würd sagen, du hast ein klein wenig länger gebraucht. Warum? Und warum kommt die Platte gerade jetzt?

Ich hatte vorher vielleicht einfach nicht das Bedürfnis dazu. Jetzt schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein. Ich fühlte mich charakterlich und musikalisch in der Lage, ein Soloalbum anzugehen. Da gab es keinen Druck von außen, niemand sagte: “Du musst jetzt mal was solo machen.” Mir war einfach danach.
Man sieht es schon am Artwork, und man kann es aus allen Texten herauslesen: Es ist ein sehr persönliches Album geworden. Und es wird das erste sein, auf dem allein dein Name steht. Bekommt man da ein wenig Schiss, wie die Reaktionen ausfallen werden? Und dass man sie direkt abbekommt?

Ich weiß, was du meinst. Mit einer Band an der Seite ist man längst nicht so angreifbar und verletzlich. Das gibt dir Sicherheit. Natürlich werden eine Menge Leute meine Platte hassen. Aber das sollte man wissen, wenn man ein Album aufnimmt. Bei mir ist es sowieso noch immer so, dass es viele gibt, die hassen, was ich tue. Und viele, die es lieben. Ich weiß gar nicht, warum das so ist, warum ich da immer so polarisiere. Ehrlich gesagt überrascht es mich, dass das immer noch passiert. Ich bin sehr gefestigt in meiner Meinung über das Album. Es ist sehr offen, sehr direkt, nicht so dick aufgetragen wie viele Suede-Sachen. Ich habe seit 2004 an dem Album gearbeitet, ich habe es schätzen gelernt. Allein das zählt für mich.



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