BEWERTEN
 

Udo Jürgens

»Lieder voller Poesie – Ausgewählt und kommentiert von Bastian Sick«

[Ariola / SonyBMG]

Text: Alexander Jürgs

„Nicht weniger als 19 Konjunktivformen in einem schlichten Liebeslied von knapp 3,5 Minuten Dauer, und dabei nicht eine einzige Umschreibung mit ‘würde’, sondern ausschließlich Konjunktiv II in Reinform – das sprengt jede Vorstellung dessen, was einen sogenannten Schlager ausmacht“, schwärmt Bastian Sick über den Song „Wärst du nicht du“. Genau, Bastian Sick, der Sprachkritiker von Spiegel online („Zwiebelfisch“) und Autor von „Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod“, der Lästerer über falsch gesetzte Apostrophe und unpassende Anglizismen, der mit seinen in der Tat schwer komischen und unterhaltenden Sprachseminaren heute die größten Veranstaltungshallen des Landes füllt. Seit seiner Jugend schwärmt Bastian Sick für die Chansons des Udo Jürgens und hat sich nun wahrscheinlich wie ein Honigkuchenpferd darüber gefreut, für Ariola eine Compilation mit den Lieblingssongs seines Idols zusammenstellen und kommentieren zu können. Dass hier ein echter Liebhaber schreibt, merkt man schnell. Sick überschlägt sich beinahe vor Bewunderung für die Texte (von berühmten Autoren wie Günter Loose, Michael Kunze oder Wolfgang Kunze) und Musik (die er, obwohl selbst noch nie als Musikkritiker tätig, kenntnisreich und klug interpretiert).


Warum aber soll man sich überhaupt eine CD mit Liedern von Udo Jürgens anhören? Eine gehörige Portion Kitsch und Bombast muss man schon ertragen können, dann aber machen die Songs des Entertainers alter Schule allergrößten Spaß. Wer für französische Chansonniers wie Benjamin Biolay, Serge Gainsbourg oder Charles Aznavour schwärmt, wird bei Udo Jürgens nicht weniger Melancholie, Melodie und Gesangskunst entdecken. Jürgens singt von der Liebe, von ihren guten und schlechten Seiten, und das sehr ehrlich. Und er zeigt sich dabei ab und zu als musikalisch ausgesprochen offener Mensch – Höhepunkte der Zusammenstellung sind deshalb Stücke wie „Ich frage nicht“, das sich in Gefilde des Bossa Nova verirrt, oder der von Disco inspirierte Hit „Ich weiß, was ich will“, der auf großartige Weise Euphorie versprüht. Einiges, wie zum Beispiel das sentimentale „Ein paar Steine, zwei Kinder, ein Bach“, ist kaum erträglich. Diese CD ist gewiss kein Must-Have – aber sie ist lustig, charmant und mit Liebe gemacht.



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aus Intro #147 (März 2007)
 
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