BEWERTEN
 

Diverse & Sven Kacirek

»Pingipung Blows: The Brass & The Palmin Sessions«

[Beide Pingipung / Kompakt]

Text: arno raffeiner

Pingipung ist eines dieser Labels, die scheinbar nie etwas falsch machen können, bei denen man sich zwischen Freundlichkeit und musikalischem Anspruch sofort zu Hause fühlt. Um die Jubiläumskatalognummer #10 angemessen zu feiern, hat das Lüneburger Label bei einer bunt gemischten Schar an guten Menschen, die man in diesem Rahmen schon als Superstar-Aufgebot bezeichnen muss (mit dabei sind Mouse On Mars, Harald Sack Ziegler, James DIN A4, Lawrence und viele andere), eine Compilation mit Leitthema in Auftrag gegeben: Blechbläser in irgendwie elektronischer Musik, „Pingipung Blows: The Brass“. Eine super Sache, das verheißt lautes Trötö, Funk-Fanfaren, erhabenes Dröhnen oder elegische bis kuriose Sample-Akrobatik. Und es ist auch wirklich alles da, von Balkanorchester- oder Alphorn-Geschmetter über Jazz-Soli bis zu C64-Rumba. Eigentlich wäre neben solchen erwartbaren Versatzstücken ja noch unendlich viel mehr denkbar, doch in jedem dieser Stücke ist eben immer auch mitzuhören, wie sehr klar benennbare Klänge mit Erwartungshaltungen, bestimmten Hör-Schemata, ja, Klischees belastet sind. Das großartige Stück „Imagine“ von Vanishing Breed führt das in Form eines Meditations/Suggestions/Hypnose-Lieds vor. Es kommt ganz ohne Bläser-Samples aus, ruft jedoch über Vanishing Breeds eindringliche Stimme jeweils subjektive Vorstellungen von Klängen ab: „Now I ask you to imagine a brass instrument that hasn’t been invented yet, making a sound that nobody’s ever heard before.“ Wie schön lässt sich, ausgehend von Blechbläser-Klischees, doch in Erinnerungen schwelgen, wie eindrücklich lassen sich Klänge hören, die gar nicht da sind!


An diese von Vanishing Breed so wunderbar inszenierte Leerstelle lässt sich auch das Solo-Debütalbum des Hamburger Jazz-Schlagzeugers Sven Kacirek anschließen. Der errichtet die Knusperkulisse für seine Stücke oft nahe an der Grenze zum Verschwinden, stellt Frickelzauber aus Percussion-Allerlei auf die Bühne, zitiert Jazz dazu und singt im Hintergrund mit seiner Notwist-Stimme einen Text von Billie Holiday. „The Palmin Sessions“ machen zwischen dem hektischen Beat-Klappern und der Melancholie von Glockenspiel und Melodica so viel Raum auf, dass es wirkt, als würde dazwischen eigentlich noch etwas fehlen, als würde diese Musik im nächsten Moment auseinanderfallen. Was fehlt, sind die ZuhörerInnen. Erst mit deren Imagination werden diese Stücke komplett.



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aus Intro #147 (März 2007)
 
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