BEWERTEN
 

Die Zimmermänner

»Fortpflanzungssupermarkt«

[Zickzack / Indigo / VÖ: 02.03.2007 ]

Text: Aram Lintzel

Willkommen zurück in der Zirkulation! Nach 23 Jahren Pause sind sie wieder da, die hanseatischen Snobs mit dem Sinn für die Nöte des kleinen Mannes. Mit Fug und Recht galten die Zimmermänner als deutsche Orange Juice bzw. Haircut 100, als Erste importierten sie Bossa-Nova-Akkorde auf deutsche New-Wave-Bühnen. Als ich diese Dreikäsehochs des Zitatpop 1983 bei einem meiner frühen Konzertbesuche im Stuttgarter Jugendzentrum Mitte sah, entlarvte ihre überkandidelte Schneidigkeit alle Authentizitätslügen – welch eine persönliche Epiphanie! Die Geschichte ist lang, umso erstaunlicher, dass sich Detlef Diederichsen und Timo Blunck nicht auf solchen Meriten und eBay-Rekorden ausruhen. Denn „Fortpflanzungssupermarkt“ ist ein subtiler Traditionsbruch, was nicht zuletzt dem Einsatz moderner Maschinen zu verdanken ist. Der macht möglich, was vor einem Vierteljahrhundert noch undenkbar schien, etwa R’n’B-Kitsch („Regenschirm im Regen“), Big-Beat-Budenzauber („Paderborn“) oder Deep-House-Pop („Gute Nachtfreunde“). Trotz des Medienwechsels ist da aber noch reichlich Kontinuität, selbst wenn von früher außer den beiden Songwritern nur Christian Kellersmann am Saxofon und Rica „Ede“ Blunck als Gastsängerin mitwirken, und das auch nur am Rande. Da wäre Bluncks (Timo jetzt) zwischen Süße und Strenge changierender Gesang, dem die Scott-Walker-haftigkeit nicht abhanden gekommen ist, da wäre auch Diederichsens feiner Sinn für Chancen und Gefahren von Easy Listening und Bubblegum. Die eigene Geschichte stellen die beiden Rest-Zimmermänner spielerisch aus, zum Beispiel, wenn sie mit „Christiane Paul“ und „Tiefs“ die seltsame softsexistische Tradition von Frauenliedern wie „Anja“ oder „Keiner ruft Cornelia an“ fortschreiben. Diederichsen und Blunck sind dennoch clever genug, um sich auf die durch „neues Bürgertum“ etc. veränderten Rahmenbedingungen ihrer an linkem Poppertum geschulten Distinktionsgesten einzustellen. Ein Highlight zur rechten Zeit: das Unterschichten-Minidrama „Mama, Baby, Joe“. Überhaupt klingt hier alles so frisch und so gegenwärtig nach großartig großgeschriebenem POP. Ganz am Schluss erfahren wir, warum das so sein könnte: „Wir wollen schlafen / Lang schlafen / Gut schlafen“ heißt es da. Keine Zweifel: Der letzte Schlaf war ein Dornröschenschlaf, und die Jeunesse doreé der Achtziger ist mit goldenen Falten wieder erwacht.




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