BEWERTEN
 

Tele

»Wir brauchen nichts«

[Vertigo / Universal / VÖ: 23.02.2007 ]

Text: Peter Wittkamp

Wer bei dem Stichwort „Immergut“ nicht als Erstes „hmm, lecker Kakao“ denkt, wird vielleicht um das Liebespotenzial von Tele wissen. Ich erinnere mich an eine Vorstellung der Band im Festivalguide 2004, die klang, als hätte man Thees Uhlmann beauftragt, die neue Streets/Oasis-Split-Single zu rezensieren. Aber hey, wir Indie-Füchse wissen: Wo so viel Licht, da auch viel Schatten. Sprich: Willkommen in der Polarisierungsfalle. Deutsche Texte, kein eindeutiger Freispruch vom Schlagervorwurf und die Stimme anscheinend von Eißfeldt geborgt. Alles gemeinhin probate Vorzeichen für endlose Diskussionen über „cool, uncool und die ganzen Zwischentöne“ auf intro.de oder anderen Spaßsurrogaten. Aber Pustekuchen! „Leute ... kommt und liebt Tele“, skandieren dort Freunde und Fans seit Jahren und kommen damit nahezu ungeschoren durch, während sich Anajo, Mia. oder auch Wolke um die goldene Himbeere des Indiezirkus streiten müssen.
Dabei kommt auch das dritte Tele-Album nicht gerade ohne Diskursmaterial daher: Vorabendserienmelodien im Song „Wo soll das hinführen“, eine Single („Mario“), die bei Stefan Raab anschaffen geht, und irgendetwas war da doch auch noch mit einem Slot im Juli-Vorprogramm. Letztlich aber spielen Tele ihren Pop derart raffiniert, charmant und mitreißend, dass hier abermals kaum Angriffsfläche geboten wird. „Mario“ ist Storytelling über einen Millionärssohn, der nicht auszog, das Leben zu lernen: „Er hatte alles / Doch er wollte noch viel, viel mehr.“ Danach dann „Fieber“: Beginnend mit einem Chor, der von einem Piano gefangen wird, entwickelt sich der Song zu einer Clubhymne, größer als „Falschrum“ vom letzten Album. Überhaupt: Chöre, Hymnen, Melodien und eine Menge Instrumente (schon mal von einem Marimbafon gehört?) – gespart wird an nichts. Das ist big in Berlin, nicht Baden-Württemberg.
Und die Texte? Analog zu einer Pubertät in den Neunzigern dreht sich gleich nach „Mario“ viel um Beziehungen und deren bucklige Schwestern, die Krisen. „Wir hatten Sex mit einem Spiegel dazwischen“, singt Francesco Wilking und meint nicht Petting’n’Koks. Oder er versammelt in „Wo soll das hinführen“ mehr Antagonismen des gemeinsamen Zusammenlebens, als eine ganze Staffel „King Of Queens“ zu bieten hat: „Du sagst mir nie die Geheimzahl / Ich lass dich nie in mein Tagebuch schauen.“ Die erwähnte „Landarzt“-Melodie in diesem Stück wird in der Mitte dann kurz von, ich rate mal, Balalaikas interpretiert, was den Song endgültig zu einem ganz großen erhebt. Einer von vielen. Mehr brauch ich echt nicht.




Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
  • » Tele - Jedes Tier
  • » Tele - Wovon Sollen Wir Leben
  • » Tele - Tele
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •