BEWERTEN
 

Saint Thomas

»There’s Only One Of Me«

[Make My Day / Al!ve / VÖ: 02.02.2007 ]

Text: Martin Riemann

“Ich wünschte, ich wäre eine Schildkröte.” Wenn jemand so etwas über sich singt, sind Schwierigkeiten im Showbusiness unumgänglich. Saint Thomas hatte reichlich davon in seiner reichhaltigen Karriere. Nach eigenem Bekunden hat die Entscheidung, seine Musik zu veröffentlichen, sein Leben zerstört. Wer seine Platten kennt, weiß, wie persönlich die Songs des Norwegers mit der merkwürdigen Kopfstimme sind. Und so offen und zugänglich präsentiert er sich auch als Künstler, der darauf verzichtet, eine bewusste Trennlinie zwischen seiner Person und der Figur Saint Thomas zu ziehen. Dieser Entwurf hat offenbar einen derartigen Leidensdruck verursacht, dass Thomas Hansen nur unter dem Einfluss von Medikamenten und Alkohol überhaupt noch touren konnte und schließlich Anfang 2006 so tief deprimiert war, dass er alle Konzerte absagen musste. “There’s Only One Of Me” ist in dieser Zeit entstanden. Und Hansen meint es mit diesem Titel in mehrfacher Hinsicht wörtlich. Zunächst hat er diese Platte, abgesehen von der Hilfe zweier Freunde, in kompletter Eigenregie realisiert. In seinem Schlafzimmer. Darüber hinaus empfindet er sich als einzigartigen Künstler, der von nun an ohne fremde Einflüsse an seinem Werk arbeiten möchte. Auch deswegen ist diese neue Veröffentlichung seine traurigste Platte. Der junge Mann ist wirklich einsam, und wenn man seinen Liedern zuhört, ist der einzige Mensch, der sich wirklich für ihn interessiert, er selbst. Die Songs sind skizzenhaft und voller Bewusstseinsstrom-artiger Texte, die das Innenleben eines Menschen beschreiben, der sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. Seine Trademark-Fistelstimme wirkt verhalten und gebrochen. So gebrochen wie sein Englisch, und es ist bezeichnend, dass jemand eine Fremdsprache wählt, um derart über sich Auskunft zu geben. Man muss Hansens Entscheidung, der professionellen Popwelt, die ihn scheinbar unendlich enttäuscht hat, den Rücken zu kehren, akzeptieren. Es war vielleicht sogar vorhersehbar. Saint Thomas hat immer noch das seltene Talent, ergreifende Songs zu schreiben, die Eigenproduktion aber tut seiner Arbeit nicht nur gut. Damit ist nicht bloß der Sound der neuen Platte gemeint, der über den Standard eines Demo-Tapes nicht hinauskommt, sondern auch die Tatsache, dass Hansen offenbar alleine einfach nicht klarkommt. Er ist zu unglücklich. Das Album wirkt an vielen Stellen zerfranst und unfertig. Teilweise klingt es, als wäre noch während der Aufnahme an den Songs herumkomponiert worden. Das kann natürlich alles als ein authentischer Spiegel der Person Saint Thomas gesehen werden. Darüber muss man nicht streiten. Man muss es aber erwähnen. Und man kann nur inständig hoffen, dass “There’s Only One Of Me” nicht das Letzte ist, was wir von Thomas Hansen hören werden. Zumindest drei Fragen sollte er doch noch mal beantworten:


Auf vielen der Songs des neuen Albums kehrst du wieder zu dem Homerecording-Modus von einst zurück. Warum? Ich mag einfach nicht, wie ich in einem normalen Studio klinge. Da gibt es so viele Limitierungen und Regeln, und es ist mehr Arbeit als Spaß. Ich hatte daher einfach wieder Lust auf eine Lo-Fi-Platte. Zuletzt hast du ja wieder Konzerte ausfallen lassen müssen, und man hörte von Zusammenbrüchen. Wie sieht’s für dieses Jahr aus? Geht’s dir gut? Danke. Aber ich weiß natürlich nicht, wie sich das Jahr entwickeln wird. Aber die Tour in Deutschland nehme ich dieses Mal auf jeden Fall mit. Die startet am 15. März in Hamburg. Beim Interview zur letzten Platten hattest du erzählt, dass du mit einem norwegischen Rapper eine HipHop-Platte planst. Was wurde daraus? Nun, das ist nie geschehen. Ich habe mich mit ihm überworfen. Ich glaube, er war zu cool für mich.



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