BEWERTEN
 

Alasdair Roberts

»The Amber Gatherers«

[Drag City / Rough Trade / VÖ: 26.01.2007 ]

Text: linus volkmann

Alasdair Roberts ist ein Meister des hochdepressiven Minimal-Folks. Wer gerne wirklich haltlos mit Platten mitleidet, wer tiefen Schmerz schätzt, der nur von wenigen Instrumenten begleitet wird und der von Strophe zu Strophe immer verletzter zu werden scheint, der findet hier ein Jammertal in der Größe eines schwarzen Lochs. Das soll aber nicht despektierlich oder gar ironisch klingen. Denn für Ironie oder sonstige schmerzlindernde Maßnahmen ist kein Platz. Persönlich bin ich immer wieder überrascht, wenn Umstehende Bands wie z. B. Lambchop für tieftraurig halten. Klar, da gibt’s eine melancholische Grundstimmung, aber die ist doch nicht abgründiger als paar Tage Erkältung oder Streit mit einem guten Freund.

Ich finde, wenn man schon hinab will, dann aber bitte ins Fundament, in den Keller, in den Hades. Und natürlich allein allein. In diesem Segment setzten Midnight Choir einst Maßstäbe mit “Amsterdam Stranded” (die ja auch schon wieder Jahre alt sein muss). Dann tauchte aber ein weiteres Stück Selbstmord-Pop ungeahnter Drastik auf. “Farewell Sorrow” von Alasdair Roberts. Seitdem bin ich Fan. Die neue Platte ist wieder zum Heulen. Ein Milligramm mehr Linderung verschafft er diesmal durch eine ausgefeiltere Instrumentierung. Es gibt mehr als nur Stimme, eine gequälte Laute und Leere. Jetzt gibt es Bandstrukturen, Rhythmus, also bisschen Halt. Dennoch: Textlich liegt alles am Boden, Happy Ends für die geschilderten Figuren sind nicht mal im Bereich des Denkbaren. In den Antworten auf die folgenden drei Fragen wird Alasdair behaupten, er mache Pop. Glauben Sie ihm kein Wort. Denn er macht ausschließlich Werbung für Prozac.
The Amber Gatherers” wurde im Info annonciert als “a pure pop record” – wessen Idee war es eigentlich, diese Lüge zu lancieren?
Erlaube mal! Das ist keine Lüge, unsere Einschätzungen bezüglich Pop gehen wohl nur auseinander. Die Songs auf der Platte sind in jedem Fall aber arrangiert wie ganz reguläre Popsongs – ich bin immer wieder amüsiert, wenn ich als Folk-Rocker durchgehe. Okay, der eine oder andere Song geht schon in die Richtung – “No Earthly Man” zum Beispiel. Aber im Endeffekt ist es Pop, was ich mache. Aber letztlich sollte man beim Thema Kategorisieren einfach fünf gerade sein lassen. Nennt es, wie ihr wollt.
Deine Platte “Farewell Sorrow” klang unglaublich depressiv und traurig, die danach sowie die jetzige scheinen nicht so sehr von Verzweiflung getrieben. Sind deine Songs ein konkreter Hinweis darauf, wie du dich fühlst – oder ist das einfach eine Frage von Kunst und lässt keinen wirklichen Rückschluss auf dein Fühlen als Autor zu?
Wie glücklich oder todtraurig ich auf meinen Platten vielleicht rüberkommen mag, ist garantiert kein Hinweis darauf, wie es mir wirklich geht. Letztlich ist es vielleicht sogar eher umgekehrt. Also dass ich den mir gerade fernen Gemütszustand besinge, um ihn auch heraufzubeschwören. So kommt es, dass ich mich gerade jetzt erbärmlicher fühle als je zuvor. Aber damit liege ich immer noch über dem globalen Level von all den Milliarden Miserablen.
Was ist denn dein Lieblingssong auf der neuen Platte?
“The Calfless Cow”, weil er der kürzeste ist.



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