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Rockformation Diskokugel

»Anarchie und Montag«

[Atatak / Broken Silence / VÖ: 19.01.2007 ]

Text: linus volkmann

Die Rockformation ist ein ziemliches Phänomen – und das gelinde ausgedrückt. Wie Obelix in den Schlägertank scheinen die vier Südhessen seinerzeit in einen Jungbrunnen gefallen zu sein. Und während so viele Bands sich irgendwann ad acta legen, dreht diese hier erst im hohen Alter richtig auf. Ohne dabei in den Verdacht zu geraten, weise oder verkalkt zu sein. Nöö. Sänger Mathias tobt auf Konzerten, wenn das Mikrofonkabel reicht, sogar auf die Bar und rockt majestätisch ironisch ab – das allerdings viehisch physisch. Gibt’s das? Diese vier Unterhemden schaffen mich. Ihr Output hat dabei System. Es gibt meist EPs, es gibt so einen verschmitzten Oli-Pocher-Mod-Look, und es gibt liebevolle Ideen für den eigenen Style. Nach diversen sehr spartanischen, sehr classic Cover-Artworks kommt nun ein aufwendiges, verspieltes classic Cover-Artwork. Neidlos anerkennen muss man, wie geil ihnen Piwie (dieser eine Typ, der auch das InterView-Buch gezeichnet hat) eine Mischung aus AJZ-Motiven und “Hanni und Nanni” geschenkt hat. Durch die aktuelle EP zieht sich so auch im Booklet das Konzept durch, dass das Ganze ein Schneider-Pferdebuch sein könnte. Aber von wegen EP – neben sechs neuen Songs gibt es noch mal 17 auf der zweiten CD. Alte Hits, ihre größten Halberfolge oder komischsten Versionen. Da hat man endlich mal “Jugendliche” und den schönen Song mit der Zeile “trotzdem hat sie mehr Soul als hunderttausend Motown-Platten” u. ä. am Stück. Auch die neuen Songs wissen zu glänzen, “Jet Set Jet Lag!” wird von Mathias mit seiner sympathisch schmalen Ein-Lungenflügel-Technik gequäkt. Und, was soll man sagen? Es bockt voll. Und nichts läge mir eigentlich ferner zu empfinden, schließlich habe ich die Band lange Zeit erfolgreich gehasst. Das war allerdings nicht mehr aufrechtzuerhalten angesichts solch guter Songs und Platten. Sorry. Da könnte man ja sogar mal nachfragen bei den Jungs:
Sonst gab’s immer die kleinen Formate, jetzt auf einmal ein Doppelalbum, was ist denn da passiert? Und nach welchen Kriterien habt ihr die älteren Stücke ausgewählt?
Die erste CD ist ja die neue EP, die zweite CD ist so eine Mischung aus “Best-of” und unveröffentlichten Sachen. Wir wollten Songs aus allen Phasen der Bandgeschichte draufhaben und hatten noch dazu den guten alten “Value for Money”-Gedanken, also haben wir die meisten alten Hits entweder neu aufgenommen oder andere Versionen genommen. “No One Likes Us” z. B. singt diesmal hauptsächlich unser Sänger Magnus, Peter Hein übernimmt dann die Bridge.
Ihr verbindet knuffige Indie-Jugendbuch-Fühligkeit mit aufgeladenen Issues wie RAF, Anarchie etc. Explosion der Zeichen im Proberaum, oder worum geht’s?
Das wurde uns ja von dir persönlich schon mal vorgeworfen, als wir über unseren Nachbarn, den vermeintlichen RAFler Henning Beer, gesungen haben. Das war kein nostalgisch wohliger “Generation-Golf”-Seufzer, sondern der Versuch, das Bedrohliche der damaligen Stimmung rüberzubringen. Die RAF haben wir diesmal zwar nicht rausgekramt, aber dafür wollten wir anderes aufeinanderclashen lassen, z. B. den Sound von Mittagspause/S.Y.P.H./77/78er-Punkrock und 2006er-Modewörter (Sondierungsgespräch, Trauerarbeit, Mittelstand, Chefetagen ...). Rettung einer für uns wichtigen Musikrichtung vor dem Rock-Museum durch aktuelle Aufladung. Und das Cover bringt das doch ganz gut rüber, oder?
Mod und Soul sind ja schon immer die Eckpunkte – sucht ihr musikalisch dahingehend auch noch nach Abwegen oder nur nach einer Perfektion davon?
Wir sehen uns ja immer schon als Eklektiker. Lassen uns aber nicht beschränken beim Songwriting. Wir spielen Deep-Purple-trifft-DAF (“Jugendliche”), Dub-Reggae (“Helmut”), Punk, Gitarrenpop – wenn’s sein muss auch Country oder Samba. Und eben auch Soul. Aber wir glauben, das klingt auf der Platte wesentlich homogener, als es sich liest. Perfektion interessiert uns dabei im Grunde nicht, aber wir proben halt wöchentlich, da lässt sich das nicht vermeiden.




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