Das Dieter Roth Orchester
»Spielt kleine Wolken, typische Scheiße und nie gehörte Musik«
[CD / Intermedium]
Text:
Frank Apunkt Schneider
Der 1998 verstorbene Allround-Künstlerdichter Dieter Roth war die sperrigste Fußnote zur Autoren-Kunst der Nachkriegszeit. Er arbeitete mit ins (nicht nur werkästhetisch) Uferlose gesteigerter Verbissenheit an einer Identität von Kunst und Leben, wie dies auch andere, insbesondere deutsche Groß-Künstler, taten, Beuys zum Beispiel. Allerdings war deren gepflegte Avantgarde meist – bei aller formalen Radikalität und allem großspurigen Wagnischarakter – an die Idee einer Übersichtlichkeit rückgebunden. Übersichtlichkeit zum Zwecke der Rückübersetzbarkeit in und Vermittelbarkeit an Gesellschaft. Deshalb konnte ihre kunstbetriebliche Institutionskarriere dann meist derart reibungslos abschnurren. Das Modell „Beuys“ war um die althergebrachte Idee des schamanisierbaren Künstlers als erhobenem Zeigefinger der bürgerlichen Gesellschaft gebaut. Öffentlichkeit wollte er noch einmal mit gefettetem Dringlichkeitsvermerk einfordern bzw. -klagen und diese Öffentlichkeit zum Gespräch an ein Bistrotischchen namens „kommunikative Vernunft“ zwingen. Der Habitus des gesellschaftlichen Gesprächsteilnehmers fehlt wiederum im Werk von Roth schon deshalb, weil es zwar manisch, dafür aber umso ungerichteter kommunizierte. Kommunikation: eines von gefühlten 150 Zentral-Motiven bei Roth, ohne dass sich seine Kommunikationsakte in eine befehlskettenhafte gesellschaftliche Kommunikationsordnung fügen würden. Seine Schimmel- und Verfallsarbeiten, die mit Käse gemalten Bilder oder die Grafiken aus gepressten Bananen handeln auch von der schleichenden Auflösung fetischisierter Kommunikation als Kunstwerk. Ein anmutigeres Bild für produktives Scheitern an und in den kommunikationsseligen 1970er-Jahren ist wohl kaum zu haben als eine eingestampfte Luchterhand-Auflage, von der die hiermit rezensierte CD einen Teil ihres Titels geborgt hat.
Kuratiert wurde das Dieter Roth Orchester von Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) im Rahmen einer BR-Radiohommage an Roth. Es tritt nicht im geschlossenen Orchesterformat auf, sondern als loser Verbund befreundeter Gruppen und Interpreten, die Texte von Roth interpretieren. Verwundern, enttäuschen oder sogar verstören könnte dabei, dass sich ein solches Projekt nicht auf altgediente Experimental-Ästhetiken oder Künstler-Schallplatten-Ausgelassenheit verlassen will. Sein eher popistischer Ansatz taucht unter der im Zusammenhang mit Roth erwartbaren materialästhetischen Radikalität einfach hindurch. Was den vertonten Texten aber durchaus entspricht. Deren Radikalität bestand ja nicht in ihrer kompromisslosen Radikalform, sondern in ihrer viel radikaleren Unentschiedenheit zwischen Radikalität und Beliebigkeit. Die meisten Beteiligten operieren bereits seit Ewigkeiten in ähnlicher und doch ganz anderer Form als Schlepperbanden an der Grenze von Pop und Avantgarde: Andreas Dorau etwa, Stereo Total, Mutter, Khan oder Müller selbst. Klassisches Songformat zu benutzen heißt für sie allerdings, auch die Dellen und Schrammen seiner vielhundertjährigen Vernutzungsgeschichte mitzuspielen. Mutter klingen hier z. B. wie verrutschte Stereolab. Das entspricht Roths Texten, die Sprache immer im Zustand der Materialermüdung, der Abgearbeitetheit und der Altersschwäche porträtierten – und damit den Frische- und Neuheitstonfall auflaufen ließen, der für die jeweils aktuellen Interventionen von Avantgarde verbindlich ist. Eben das war eines seiner wirklich avantgardistischen Momente: in vollem Bewusstsein aus der Verlebtheit und Vernarbtheit des historischen Avantgardemodells heraus zu sprechen. Nicht weise und mit Erfahrungsautorität vollgesogen, eher so, wie alte Menschen tatsächlich sprechen: müde, banal, unstrukturiert, wiederholungsreich und mit einem Hauch Demenz. Die alte Idee, das Leben müsse Kunst werden, hat Roth damit tatsächlich umgedreht und gegen ihre verkappt humanistische Propaganda (von Beuys bis Minus Delta t) in Anschlag gebracht, indem er die Kunst organisch werden ließ – und das heißt nun mal in erster Linie: im Verfallprozess befindlich.
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