BEWERTEN
 

Paul Stanley

»Live To Win«

[Universal / VÖ: 20.10.2006 ]

Text: Tim Jürgens

Mal ehrlich: Wenig führt einem die eigene Vergänglichkeit schonungsloser vor Augen als die Nachricht von altersbedingten Gebrechen von Pop-Idolen. Prince, der wegen seiner Fähigkeit, auf Pfennigabsätzen die Bielmann-Pirouette zu vollführen, berüchtigt war, bekam 2006 ein neues Hüftgelenk. Kiss-Sänger Paul Stanley – in den Siebzigern nie ohne Plateausohle unterwegs – ließ sich bereits die dritte Prothese in die Hüfte einsetzen. Warum schaffen es gewiefte Pressestellen nicht, solche Nachrichten geheim zu halten? Was bringt uns die Info, dass Paul Stanley, Star-Child und etatmäßiger Verführer des größten Rock’n’Comicstrips aller Zeiten, längst ein fußkranker Senior ist, der den Weg in die Heia kaum noch schmerzfrei findet, wo ihn statt langbeiniger Blondinen eine kräftige Dame von der Krankenstation erwartet, die ihm das Kissen glatt zupft? Als Beweis, dass dem 54-Jährigen zwar die Knochen morsch werden, nicht aber das monumentale Stimmchen, legt Stanley 28 Jahre nach den Soloalben der vier Kiss-Mitglieder zehn Songs losgelöst vom Bandkontext vor. Wer Stanleys Songwriting mag, das auch hier mit schlafwandlerischer Sicherheit den Weg von der unaufgeregten Strophe zum orchestralen Ohrwurm-Refrain findet, wird mit jeder Nummer dieses Albums glücklich. Musikalisch bewegt sich „Live To Win“ in den ästhetischen Koordinaten der späten Achtziger: Hard-Rock-Konfektionsware inklusive Balladenschmock, leidlich inspiriert und gewöhnlich inszeniert durch omnipräsente Synthies, verzerrte Marshall-Gitarrensounds und ein fettes Drumkit. Anders als vor 28 Jahren bemüht sich Stanley, seinen Themenschwerpunkt „Sex“ passiver zu formulieren: 1978 sang er „Wouldn’t you like to take me / And wouldn’t you like to make me, whoo yeah“, jetzt fleht er: „Lift me up / Forgive me with your touch / Lift me higher / Straight to your love.“ Aber ehe jetzt Gerüchte aufkommen, der Text lasse auf eine eingeschränkte Potenz beim langjährigen Flachleger schließen, hier der Hinweis: Stanley ist gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Eine Tatsache, die wie sein neues Album beweist: Selbst an zarten Flämmchen kann man sich die Finger verbrennen.




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