BEWERTEN
 

Autonervous

»Autonervous«

[Cochon / VÖ: 24.11.2006 ]

Text: Frank Apunkt Schneider, Frank Apunkt Schneider

Am gähnendsten leer bleibt bei Eighties-Retro-Produkten wohl der sozialgeschichtliche Hintergrund. Punk und Wave waren konkrete Reaktionen auf eine konkrete Gegenwart. Deren Durchschlagskraft soll heute für Retrowave und Elektropunk runtergeladen werden, ohne die passende Gegenwart dazu zu haben. Dabei wäre erst mal überhaupt zu klären, wie sich die Gewalt zum Beispiel eines (von heute aus synthetisierten) Wire-Riffs zur jovial-hemdsärmeligen, nur in der Sache eben gnadenlosen Gewalt des ausdifferenzierten Spät-Neoliberalismus verhält. Indifferent? – Am Ende sogar: verstärkend? Die Stimmungen und manchmal weiträumig verschlungenen Zeitbefunde in Punk und Wave bezogen ihre Dringlichkeit und Eindringlichkeit aus der Dringlichkeit (bevorstehender nuklearer Schlagabtausch) und Eindringlichkeit (kultureller Beschleunigungsschub, subkulturelle Anomie) des Befundeten. Das wurde je nachdem verarbeitet zu einem „Ja zur modernen Welt“, das keineswegs nur Alt-Linken-Provotainment war, oder zur tribalistischen Kultur-Totenmesse für Endzeitstimmungskanonen bei Neubauten et al. Um nur zwei Modelle zu nennen. Ein drittes kam von der West-Berliner Gruppe Malaria. Sie verband blasierte mauerstädtische Endzeitdekadenz u. a. mit einer verstörenden und gerade im Spätsiebziger-Emanzipationsfeminismus-Kontext hochgradig illegitimen Inszenierung von Weiblichkeit: soldatischer Kurzhaarschnitt, uniformistischer Kraftwerk-Look der „Mensch Maschine“-Phase und eine aus all dem herausstrotzende scharfkantige und klar konturierte Erotik, die aber eine für entsprechende Männerfantasien eher bedrohliche Präsenz besaß. Musikalisch wurde diese Mischung wiedergegeben bzw. verstärkt als martialische und düstere, zwar gestochen scharfe, doch gebrochen sich dahinschleppende Marschmusik, die Fetzen aus Cabaret-Tradition und Chanson, seltsam verformte Leidenschaftsausbrüche und verstauchten Bar-Jazz vor sich her trieb. Was Malaria dabei so opak und schillernd machte, war jene aus der Höhe ihrer Zeit, auf der sie sich fraglos befanden, geschöpfte Dialektik von Krise und Möglichkeit, von Untergangsgewissheit und der daraus zumindest mit resultierenden Verfügbarkeit kulturell nicht mehr gebundener Zeichensysteme. Malaria haben sich wohl nie ordnungsgemäß aufgelöst, stattdessen das einmal entwickelte Modell in immer neuen Anläufen und Versuchsanordnungen durchdekliniert.


Das aktuelle Ende dieser Entwicklung bildet Autonervous, ein Projekt der Malaria-Gründerin Bettina Köster mit der frisch aus San Francisco nach Berlin übergesiedelten Musikerin Jessie Evans (früher bei The Vanishing und anderen). Gemeinsam spielen sie eine soundästhetisch aufgefrischte, aber eben nicht gepimpte Version der alten Malaria-Setzung, abgehangener freilich und nicht mehr mit der dort gebündelten Radikalität, eleganter vielleicht, lasziver und dabei möglicherweise sogar unberührbarer. Jedenfalls in sich überzeugend genug, um weit über der musikalischen Sackgassenlandschaft wiederum ihrer Zeit zu schweben. Ohne in Dark-Wave-Niederungen abzurutschen, denn wie bereits Malaria gelingt ihnen das Düstere, ohne dabei schwammig oder wehleidig zu werden. Das Eröffnungsstück mag vielleicht noch ein bisschen wie gefühlte 90.000 Mal gehörte Electroclash-Griffigkeit klingen, spätestens mit Stück Nummer zwei weitet sich aber der Raum. Der Status „quod licet jovi“ verschwindet und gibt den Blick frei z. B. auf Scott Walkers Spätwerk oder Nico zu „The Marble Index“-Zeiten.



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