Beirut
»Gulag Orkestar«
[4AD / Indigo / VÖ: 10.11.2006 ]
Text:
Tobias Mull
Zunächst klingt es unwahrscheinlich: Ein Jungspund namens Zach Condon spielt Balkan-Tristessen mit Pauken und Trompeten, die klingen, als hätte Rufus Wainwright mit Neutral Milk Hotel und einem alten Akkordeonorchester russische Volkslieder aufgenommen. Mit dem Resultat, dass alle maßgeblichen Internetmagazine Höchstwertungen geben und die Bewohner von Bloghausen Purzelbäume schlagen. Gut, man kennt das langsam. Geil nur: Alle haben Recht. Diese Platte ist wahrhaftig dieser Wahnsinn, den sie alle versprochen haben. Part Volksmusik, Part Pop, Part Unglaublichkeit. Doch wo anfangen, um mehr Menschen zu überzeugen? Bei der jeden Track durchtränkenden Melancholie? Egal, ob bei dem langsam marschierenden „The Gulag Orkestar“, dem eleganten Akkordeonspaziergang „Prenzlauerberg“ oder dem Abgesang „Rhineland (Heartland)“? Oder bei den Ukulele-Akkorden von „Postcards From Italy“? Oder beim Trompeteneinsatz desselben Stücks? Es führt kein Weg dran vorbei: Man muss es selbst erleben, selbst erhören. Man muss diese verdammten Rhythmus-Einsätze im Magen spüren und dazu die Faust recken, muss die Tränen der Trompete mitgeweint haben, muss diese Popmelodien im Folkgewand mitschluchzen. Vielleicht hilft es ja aber doch auch zu sagen, dass Jeremy Barnes mitgemacht hat. Ja, genau, der Typ, der sonst eben bei Neutral Milk Hotel mitmischt. Aber eigentlich ist das nutzloses Nerd-Wissen, weißer Schnee. Das Einzige, was man wissen muss, ist, dass Beirut die ungewöhnlichste Popplatte des Jahres gemacht haben. Vielleicht sogar die Platte des Jahres. So unwahrscheinlich das zunächst klingen mag.
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