BEWERTEN
 

Glacier

»A Sunny Place For Shady People«

[Staatsakt / Indigo / VÖ: 13.10.2006 ]

Text: Peter Flore
[6 Kommentare]

Man kann vermutlich doch nicht über die Hamburger Gruppe Glacier sprechen, ohne auch die andere Hamburger Gruppe Tocotronic zumindest mal kurz zu streifen. Hier wie dort spielt Ric McPhail Gitarre: dort als semi-neues Mitglied, hier allerdings als Mastermind, Chefautor und Sänger. Und hier wie dort gilt: Eins zu eins ist jetzt vorbei. Nichts mit Reduktion und vermeintlich ehrlichem Minimalismus, im Gegenteil: Glacier tragen dick auf, bauen eine Wall of Sound bis oben unters Dach, wo die Sterne funkeln. McPhail klingt wie ein sedierter David Bowie, wirkt trotz der räumlichen Nähe seiner sonoren Stimme merkwürdig distanziert, so wie überhaupt die ganze Band den direkten Kontakt mit dem Hörer zu scheuen scheint und versteckt hinter einer Nebelwand agiert. Entrückt und nicht von dieser Welt. In diesen Sphären waren einst Pink Floyd oder ELO zu Hause, textlich wandelt McPhail ebenso auf bewusstseinserweiternden Traumpfaden, singt vom Gesetz der Sterne („Ruled By Stars“), betrachtet den blauen Planeten von oben und zitiert wirklich auch noch Major Tom herbei („Houston“). Esoterisch motivierte Exkurse, wie sie von Lowtzow zuletzt ja auch so schätzte. Zudem eine somnambule Reise durch Raum und Zeit, die den altmodischen Albumgedanken lebt, denn „A Sunny Place For Shady People“ funktioniert vor allem in seiner Gesamtheit. Aber diesen McPhail können wir doch nicht ohne ein paar mehr Worte gehen lassen. Hier daher noch drei Fragen an ihn:

Du wurdest über das Tomte-Zitat „Ich rauche, solange Rick McPhail raucht“ und deinen Toco-Einstieg ja eine ziemliche Indie-Celebrity. Auch wenn du das sicher nicht sein willst. Spürst du diesen Status selbst?

Ich habe damals Herrn Uhlmann nicht gebeten, ein Lied über mich zu schreiben, und leider kann er auch nichts dafür, dass ich Fragen dazu beantworten muss. Ansonsten im normalen leben hat das alles keine großen Auswirkungen mehr. Als der Song erschien, habe ich mich ein bisschen unter Druck gefühlt, wenn Menschen erfahren haben, dass ich „der Rick McPhail“ aus dem Song bin. Weil ich dann immer spontan was Kluges oder Lustiges sagen sollte. Aber jetzt ist es durch.


Och, komm. Rauchst du denn nun noch?

Da kann ich nur The Smiths „What She Said“ zitieren und sagen: „I smoke because I’m hoping for an early death“ – dann muss ich diese Frage nämlich nicht mehr beantworten.

Wo setzt für dich Glacier an – im Verhältnis auch zu deinen alten und neuen Bandprojekten drum herum?


Bei meinen früheren Bands Dish H2O und Venus Vegas ging es sehr um Entertainment. Seit der Geburt meines Sohnes, der Arbeit mit Tocotronic und wegen des allgemeinen Älterwerdens habe ich aber keine Angst mehr davor, was Tieferes zu machen. Ich möchte jetzt Musik machen, die emotional und möglichst auch intellektuell erreicht. Kein Party-Album für die nächste Generation, das können andere besser. Mit Glacier verzichten wir auf Hits und gehen mehr auf albumorientierte Musik. Die herausfordert und Zeit braucht, um sich darin zu vertiefen. Ich weiß, es ist ein bisschen viel verlangt, weil ich selbst auch nicht mehr so viel Zeit habe, aber es geht einfach darum, Musik nicht mehr als Hintergrundgeräusch verklingen zu lassen. Es klingt nach Hippie-Shit, aber man soll die Kopfhörer aufsetzen und sich fallen lassen. Es ist keine gute Platte zum Spülen oder Staubsaugen.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 
  • schunkel 16.10.2006 | 12:09:46

    Eine sehr schöne Musik zum auf die eigenen Füsse oder in den Regen hinterm Fenster glotzen, und an so super Musik von ein bisschen früher denken, als zackige moves noch sehr vergessen waren.
    Die manischen Tocotronic-Fans, die jeden Zank-Fiepser kaufen müssen (falls es die noch gibt), bekommen endlich mal ne grossartige Nebenprojekt-platte für die tiefsten tiefen.
    An ELO musste ich beim Hören nicht denken, aber komischerweise daran, dass in der Zillo mal stand, The Cure seien die PinkFloyd der 90er. Weiss ztufällig jemand, wer laut Zillo die Pink Floyd der 80er waren?

  • discokid 16.10.2006 | 15:48:20

    ordentlich durchgebrummte sache von herrn mcphail. kann man ruhigen gewissens "album" nennen.

  • Elophant 16.10.2006 | 17:29:18

    endlich mal ne grossartige Nebenprojekt-platte für die tiefsten tiefen.

    Die letzte Phantom/Ghost war in ihrer Mischung aus späten Current 93 und so modernen Elektro/Ambient-Collagen doch auch ziemlich gut.

    Glacier hatte ich mir irgendwann mal einzelne Stücke aus dem Netz angehört, die gingen allesamt in eine angenehme Richtung. War mir persönlich aber (noch) nicht weggeträumt genug, so format-bewußter Smiths-Popsong eher. Aber fein.

  • User: flipkicker
  • flipkicker 17.10.2006 | 16:11:40

    stimmt. die letzte phantom ghost war echt super.
    die neue glacier auch.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
 
Anzeige
 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •  
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]