BEWERTEN
 

Station 17

»Mikroprofessor«

[17rec. / Neuton / VÖ: 13.10.2006 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Viel hat sich getan, seit Station 17 vor 18 Jahren als Gemeinschaftsprojekt von „behinderten“ und „nicht behinderten“ Menschen in Hamburg gegründet wurde. Die Musik ist im Laufe der Jahre immer elektronischer geworden und hat auf „Mikroprofessor“ ein Kraut-Appeal erreicht, das Vorbilder wie Can und Kraftwerk nicht nur ständig zitiert, sondern souverän an sie heranreicht. Und diesem Eindruck natürlich noch etwas ganz Eigenes dank der Texte hinzufügt, die uns unbekümmert erklären, dass Drogen schlecht für die Haut sind oder dass Fahrstühle aus Eisen gebaut werden. Der Gesang hört sich immer noch oft ungelenk an – es fällt allerdings aufgrund der präzisen Grooves kaum mehr störend auf –, doch all das, was Station 17 als Band von „Behinderten“ ausweist, macht auch deren künstlerischen Mehrwert aus.

Hier geht es nicht einfach nur um Therapie oder Beschäftigungsmaßnahme, sondern um freie Assoziation, deren Spontaneität den meisten „professionellen“ Musikern um Jahre voraus ist. Alle seit den Surrealisten und ihrer „écriture automatique“ in der Avantgarde unternommenen Bemühungen, zu einer Sprache des Unterbewussten zu gelangen, bei der Kontroll- und Zensurmechanismen ausgeschaltet sind, finden sich bei Station 17 zwar nicht erfüllt – schließlich ist auch hier eine gewisse Form der Selbstkontrolle mit im Spiel –, aber doch auf erfrischende Art angedeutet. Dies bringt natürlich auch Gefahren in der Rezeption mit sich. Das Gefühl, es handele sich hierbei um eine „ursprüngliche“ Sprache, markiert bereits einen Unterschied, der zwischen „behindert“ und „nicht behindert“ trennt und eine Art positive Marginalisierung vornimmt. Diese Falle scheint immer dann zu lauern, wenn man sich selbst lobend mit so genannter „art brut“ auseinander setzt, da das Lob hier immer mittels einer Differenz ausgesprochen wird, die glaubt, den Behinderten-Status explizit als Qualitätsmerkmal hervorheben zu müssen. Kaum ein Text zu Station 17, auch der vorliegende nicht, kommt daher ohne Klischees und verknappte Zuweisungen aus. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich Station 17 auch heute noch frisch und unverkennbar anhören und mit ihrer Musik Grenzen sprengen.



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