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Luomo

»Paper Tigers«

[Huume / Al!ve / MDM / VÖ: 13.10.2006 ]

Text: Christoph Büscher, Christoph Büscher

Das mit dem Fortschritt in der Musik ist eine erzbekannte Dummheit. Nicht nur Hörer, sondern vor allem Musiker fallen ihr zum Opfer. Luomos 2000er-Album „Vocalcity“ wurde allenthalben als Quantensprung gefeiert. Dem Finnen wurde attestiert, sich Disco und House von seiner deepsten romantischen Seite zu nähern und damit ein Tor für neue Experimente auf dem Dancefloor aufzustoßen. Als sich der u. a. auch als Vladislav Delay bekannte Soundforscher dann aber auf seinem letzten Album „The Present Lover“ in Richtung Pop bewegte, stieß er damit bei vielen Fans, die das auf einmal zu glatt fanden, auf Unverständnis. Mit „Paper Tigers“ wird nun deutlich, wie ungerecht diese Vorwürfe waren. Zwar räumt der als leicht introvertiert geltende Finne inzwischen selbst ein, dass er sich beim letzten Album von den neuen Möglichkeiten des Studios ein wenig zu weit habe tragen lassen, das Album solle aber im Rahmen einer persönlichen Entwicklung betrachtet werden, bei der individuelle Evolution wichtiger sei als die experimentelle Erweiterung irgendeines Genres. Denn es geht bei Luomo eben in erster Linie nicht um funktionalen, austauschbaren Disco-House, sondern um in Rhythmus verpackte Erinnerungen, Sehnsüchte und magische Atmosphären, durchzogen von Schwermut, gleichzeitig aber getragen von poppiger Leichtig- und Eingängigkeit.


In diesem Sinne ist „Paper Tigers“ das Bindeglied, das die Balance zwischen den bisherigen Alben herstellt. Zwischen dunkler, verschlungener Dub-Magie und kristallklarem Pop, zwischen der Catchiness brillanter Hooklines und der vernebelten Atmosphäre weit ausladender Hallräume, zwischen funkigem Disco-House und den dazwischen verwobenen Rhythmus-Splittern. Vordergründig dominieren erneut die durch Cut-up-Techniken montierten Vocals der finnischen Jazz-Sängerin Johanna Iivanainen das Album, und auch der Pop-Bezug wird durch Songs wie „Really Don’t Mind“ oder „Good To Be With“ erneut klar deutlich. Doch Tracks wie „Wanna Tell“, das Instrumental „Cow Girls“ oder das Titelstück geben schnell den Blick auf faszinierende Tiefenschichten frei. Für jemanden wie Vladislav Delay, dem man es sofort abkauft, wie intensiv er seine Musik durchlebt, und der an anderer Stelle ganz offen mit seinen Geistern kämpft (zuletzt z. B. auf „Demo(n) Tracks“), ist die Erlangung dieser Ausgeglichenheit und Balance am Ende wahrscheinlich ein größerer persönlicher Fortschritt, als jede vermeintliche Erweiterung musikalischer Grenzen es je sein kann. Nicht nur vor einem großen Album, sondern auch gerade davor muss man anerkennend seinen Hut ziehen.



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