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»Chainsaw Of Life & Flora In The Darkroom«
[Munich / Indigo & Glitterhouse / Indigo]
Text:
Wolfgang A. Müller / Kai Klintworth,
Wolfgang A. Müller / Kai Klintworth
Hellwood ist ein kleines Kaff, gerade mal drei Einwohner. Im US-amerikanischen Süden, irgendwo da, wo die Wege entweder in die Verdammnis oder zur Erlösung führen, sich Eudora Welty und William Faulkner gegenseitig Schauergeschichten erzählen und die Religiosität nicht nur allgegenwärtig ist, sondern seit jeher – gelinde gesagt – seltsame Blüten treibt. Als die aus der Nachbarschaft stammende Krawalltüte Jerry Lee Lewis, mit der Bibel aufgewachsen, einst „Great Balls Of Fire“ singen sollte, reagierte er zutiefst schockiert: War das nicht ein Bild aus der Apocalypse? Johnny Dowd und Jim White sind in Hellwood Bürgermeister, Kirchenvorstand, Totengräber, mal wechselnd, mal gemeinsam, und im Häusle sorgt Willie B., geb.
Brian Wilson (nein, nicht der Brian Wilson), für gute Vibrationen. Dowd, musikalischer Spätzünder, dessen zynisch durchzucktes Ringen mit der Schattenseite des amerikanischen Traums noch kürzlich in die sechste Runde ging („Cruel Words“), und sein jüngerer Bruder im Geiste Jim White spielen sich locker gegenseitig ihre persönlichen Trümpfe in die Ärmel. Dowds charakteristisches Sprechsingen, Whites dagegen zartes und verspieltes Timbre fügen sich in ein recht heterogenes Gemisch aus Folk, Blues, Country und Jazz. Zwei, die Hasil Adkins und William Blake in einen Song packen. Da bedankt man sich beim Herrn für die Arschkarten, liegt ein Ehedrama in der Luft, räumt das Schicksal die Freunde weg. Der Gospel eines Thomas Dorsey verheißt Linderung, aber was, wie, wohin, wenn man nur Teufelsmusik kennt? „Ich könnte den Faust spielen“, dachte sich Dowd, als er letzten März in Berlin Theaterleute traf. Auch
Al Deloner ist kein Kandidat für die heiteren, leichten Rollen und hat als Künstler schon einiges hinter sich, kommt dabei aus Norwegen, und in Bezug auf die schwermütige Gitarre macht ihm so leicht keiner was vor. Immerhin war er Kopf der fantastischen Midnight Choir, die sich leider vor einiger Zeit auflösten. 2005 erschien das mit „Rain“ betitelte Solodebüt des Sängers Paal Flaata und schwelgte im Geist und Sound der alten Band. Darauf hatte Al augenscheinlich gar keinen Bock. Sein Album trieft eher vor Verehrung des kürzlich verstorbenen Nikki Sudden und zitiert darüber hinaus die spröde Songwriterschule eines Tom Waits. Gut gemacht mag das sein, die größere Stimme hatte allerdings immer Paal, und so überzeugt diese Linie aus der Midnight-Choir-Genealogie noch nicht wirklich. Mal sehen, was aus der Dynastie als Nächstes kommt.
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