BEWERTEN
 

Sid Le Rock

»Keep It Simple, Stupid«

[Ladomat / SPV / VÖ: 13.10.2006 ]

Text: linus volkmann

„Sheldon Shelbono Delmonte Barracuda Donaudampfschifffahrtgesellschaft ganz schnell rückwärts.“ So ungefähr könnte die Rezension eines der beeindruckendsten Electric-Dance-Alben des Jahres beginnen. Dabei handelt es sich stilistisch natürlich um weit mehr als nur elektronische Tanzmusik. Dazu aber gleich mehr. Erst noch mal ein paar Trivia-Facts über Sheldon Thompson alias Sid Le Roc. Als jener vor wenigen Jahren hier in Köln mit Sesshaftigkeit drohte, dachte man natürlich nur an einen flüchtigen kanadischen Minimal-Tourist. An einen, der vom Sound der Stadt fasziniert war, aber noch nicht weiß, dass man als ausländischer Künstler strikt nur nach Berlin zu gehen hat. Als Sheldon nach Köln kam, boomte gerade sein eigenes Herkunftsland. Kanada war mit Akufen und dem Mutek-Festival so gefragt wie sonst nur Castingbands auf der Höhe ihres (stets kurzen) medialen Ruhms. Eine verrückte Zeit.


Aber erst jetzt, nachdem Zeit, Platten und viele Gigs vergangen sind, lässt sich über die Nachhaltigkeit dieser Übersiedlung tatsächlich urteilen. Und das Album hier macht es einem dabei ganz leicht, ist es doch ein Knaller sondergleichen. Auf ihm kanalisiert sich nebenbei der ganz große Trend elektronischer Acts für 2006 – also der Wunsch, zur Band zu werden. Das noch Anfang des Jahrtausends überlaufene Ideal des einsamen Laptop-Producers scheint dieser Tage nur noch als Makel zu bestehen. Auf Reduktion folgt Opulenz, nichts Ungewöhnliches. Und doch haben viele der elektronischen Acts mit Band plötzlich den Songwriter in sich entdeckt. Das mochte mitunter nicht schlecht sein (man denke nur an Mocky, PeterLicht oder Klee), verwischte aber viel von dem, was die eigene Musik einst ausgemacht hat.
Sheldon gelingt es dagegen, seinen trockenen Rockdancefloor nicht einfach in eine andere Sprache zu übersetzen, sondern ihn zu erweitern. Volks- und Kindermund könnte sagen: einen draufzusetzen. Denn der zutiefst hypnotische Stil eines Clubsongs bleibt erhalten, nur die Soundästhetik ist um etliches wärmer und unmittelbarer, wenn der Bass derartig geil nach einem, ja, Bass klingt. Diese Verbindung aus repetitiver Tanzmusik und Bandklang ist sicher auch nichts revolutionär Neues. Zu dieser Meisterschaft aber hat sie noch kaum jemand geführt. Die Stücke zeigen sich anfänglich meist über sehr skelettierte Motive, die im Verlauf immer wieder angereichert werden bis zu einer kurzfristigen Entfesselung, die dann wieder ins karge, aber pumpende Skelett mündet und von neuem auf die Klimax zusteuert. Das Ganze ist tricky, aber von den Sounds auch sehr spartanisch – oder simpel, um im Jargon des Titels zu bleiben. Das heißt, es geht hier nicht um das große „Muppet Show“-Crescendo, sondern um mehrere Höhepunkte pro Track, die sich alle sehr konzentriert auf wenige Sound- oder Instrumentenzuführungen beschränken. Ein ähnlich gelagerter Hit unter diesen Rahmenbedingungen fand sich mal mit „Rock Royal“ auf der Huntemann-Platte „Too Many Presents For One Girl“. Nicht schlecht. Sheldon hat aber mit Verlaub zehn davon hingekriegt. Und man ist über den siebenminütigen Opener „Es scheppert wie Def Leppard“ sofort drin in dieser einzigartigen Mühle. Ich wünschte, ich würde noch mal Ecstasy vertragen; und ich wünschte, ich würde mich erinnern, wer in der Intro-Redaktion gemeint hat, Sheldon in der Sonnenbrillen-Pose auf dem Cover sei peinlich. Aber auch ohne Drogen und mit dem eher unsubtilen Cover ist das hier die Platte, an der alle Electronic-Acts mit Band-Idee im Schlepptau vorbeimüssen.



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