The Draft
»In A Million Pieces«
[Epitaph / SPV / VÖ: 08.09.2006 ]
Text:
Thomas Renz,
Thomas Renz
Wenn man nach einer über zehnjährigen Beziehung verlassen wird, gibt es unzählige ungesunde Möglichkeiten, damit fertig zu werden. Einfach stur so weiterzumachen, als wäre nichts gewesen, dürfte zweifelsohne diejenige sein, von der Fernsehpsychologin Angelika Kallwass am vehementesten abrät. Dabei ist genau das die für das Umfeld angenehmste Lösung. Dementsprechend groß ist die Erleichterung, wenn man nach dem Auszug von Chuck Ragan zum ersten Mal wieder im Hause Hot Water Music eingeladen ist. Zwar wurde das Namensschild neben der Klingel an der Haustüre inzwischen ausgetauscht, doch bereits das erste Läuten namens „New Eyes Open“ klingt so vertraut, dass man sich umgehend heimisch fühlt. Sogar der durchgesessene Platz auf dem alten Kanapee, den man während der unzähligen glücklichen Stunden mit dieser Band seiner Körperform angepasst hat, ist noch frei. Lange still sitzen mag man dennoch nicht. Denn jeder Song von The Draft verlangt nach einer umgehenden alkoholgeschwängerten Verbrüderungsszene mit dem bekannt kratzigen Punkrock dieser Band, der trotz aller rhythmischen Posthardcore-Sensibilität immer noch am liebsten gegrölt wird. Und wenn man dann am Ende dieser Platte seine Augen ganz fest zusammenkneift und es sich ganz fest einredet, dann hält man den Neuen an der Gitarre für einen kurzen Moment tatsächlich für Chuck Ragan. Da kann die Kallwass so lange protestieren, wie sie unlustig ist.
Dazu noch ein paar Takte mehr, die Antworten gibt Bassist Jason Black:
Wie geht man in deinen Augen am besten mit einer Trennung nach einer jahrelangen Beziehung um?
Am besten ist es, man geht raus und lernt neue Leute kennen. Und genau das haben wir ja auch getan. Nur um der Nostalgie willen als Hot Water Music weiterzumachen wäre einfach nicht richtig gewesen. Vor allem, da ich ohnehin schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte, es zu beenden. Als es dann endlich so weit war, fühlte ich mich, als hätte man mir eine Last von den Schultern genommen. Natürlich macht uns das Vermächtnis von Hot Water Music noch zu schaffen, aber wir sehen The Draft als eine neue Band. Wir dürfen musikalisch alles machen, was wir wollen.
Einer der Gründe, warum Chuck Ragan die Band verlassen hat, war nach seinen Worten die täglich wiederkehrende Eintönigkeit des Tourlebens. Hast du Angst vor dem Tag, an dem auch dir das alles zu viel wird?
Ich habe auf fast jeder Tour dieses Gefühl, und trotzdem liebe ich es, unterwegs zu sein. Es ist eintönig und ermüdend, aber die knappe Stunde, die man jeden Abend auf der Bühne steht, ist es absolut wert. All die Langeweile wird mit unglaublichen Momenten aufgewogen. Ich liebe es, dafür bezahlt zu werden, in der ganzen Welt umherzureisen und all diese großartigen Menschen zu treffen. Und das alles nur, weil ich Musik mache, die den Leuten zu gefallen scheint. Natürlich weiß niemand, was die Zukunft bringt. Aber ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass ich weiter Musik machen werde.
Abgesehen von seiner unverwechselbaren Stimme, was vermisst du am meisten, wenn du an Chuck denkst?
Das letzte Jahr auf Tour hat nicht unbedingt viel Spaß gemacht. Mir fehlt der Chuck, mit dem ich vor drei oder vier Jahren befreundet war. Es war toll, mit ihm abzuhängen. Nicht nur, weil er so toll kochen konnte.
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