BEWERTEN
 

The Gun Club / Jeffrey Lee Pierce

»Lucky Jim, Mother Uno, Danse Kalinda Boom / Wildweed«

[Alle Flow / Import]

Text: Thomas Venker

“... da tauchte – 1983 – eine Rock’n’Roll-Band auf. Eine leidenschaftliche, südstaatenernst und kalifornischdekadent zugleich auftretende, jammernde wie fordernde Rock-Band, also das sozusagen abgeschaffteste und erledigste Programm des alten Authentizismus, und es war der Gun Club von Jeffrey Lee Pierce, und sie sangen auf einer Platte mit dem altmodischen Titel ‘The Fire Of Love’ Lieder von härteren Dingen, als unsere Selbst-Programme es sich träumen ließen. Eines hieß ‘She’s Like Heroin To Me’, und ein anderes, das erste auf der ersten Seite, der Hit, war Sexbeat’.


Sex, Drogen und Alkohol waren wohl der blinde Fleck der Pop-Weltanschauung – nicht nur, weil sie das Mantra der Gegenposition ideologisch ausstatten, der des Rockismus. Die einzigen Drogen, die sich für das Pop-Programm zweifelsohne benutzen ließen, waren psychedelische Drogen. Halluzinogene, die in den 70er-Jahre-Passagen von ‘Sexbeat’ eine entscheidende Rolle spielen, waren ja das Modell für De- und Re-Programmierungen, Konditionierungen und De-Konditionierungen in mehr als einer Sub- und Gegenkulturtheorie zwischen Timothy Leary, Ronald D. Laing, David Cooper, Carlos Castaneda und William S. Burroughs. Oder man konnte Speed nehmen: Schnelligkeit und Atemlosigkeit waren immer gut.

In den Halluzinogenen hatte man ein Bild der Software der Seele und ihrer Programmierbarkeit. Man hatte auch eine Verbindung zwischen alten 60er-Subversionsprogrammen mit 80er-Decodierungs- und Dekonstruktions-Paradigmen. Doch was, wenn es gar nicht um LSD und um die Software der Seele ging, was, wenn irgendeine ‘sie’ – wirklich – ‘wie Heroin für mich ist’? Etwas Härteres, Körperliches anrührt als die austauschbare Welt von Vorstellungen und Werten, von Ideologie und Anti-Ideologie, die wir zwischen 79 und 82 so entschieden als arrangiert und rearrangierbar empfunden hatten? Gab es so ein Heroin, gab es so eine härtere, körperliche Ebene, deren Existenz nicht nur die Behauptung der Rock’n’Roll-Ideologie war? Ja, die gab es wohl, und das, das hatte sich mir bei diesem unglaublichen Gun-Club-Konzert in der Markthalle mitgeteilt, hatte etwas mit ‘Sex’ zu tun, mit dem Sexbeat, von dem Gun Club damals sangen.

An diesem Abend hatten meine Freunde und ich uns unerklärlich aggressiv aufgeführt. Wir zogen irgendwie rempelnd und knuffend durch unsere Stammkneipen und suchten genau den in den frühen 80ern in Kneipen noch leicht anzutreffenden Streit, dem wir lieber aus dem Wege gingen. Wir hielten uns sonst auch lieber im Einzugsgebiet des Abenteuers auf, als dass wir uns unmittelbar in Gefahr begaben. Ich erinnere mich daran, meine Faszination nicht verstanden zu haben. Man kann sagen, dass ein Strang dieses Buches der Versuch war, diesen Abend aus dem Jahre 1983 auf die Reihe zu kriegen. Gun Club schienen alle Dimensionen von ideologischem Rock und authentizistischer Körperlichkeit zu bespielen, die wir hassten, dabei aber elegant, überlegen und cool zu sein. Mit den eigentlich ausgemusterten und dämlichsten Accessoires, mit dunklen Sonnenbrillen und Erzählungen aus dem abgelegenen L.A. pulverisierten sie dieses urbane, fragile von London geborgte Überlegenheitsgefühl, mit dem wir unsere Kultur reprogrammieren wollten. Lachhaft! Später, in ‘Sexbeat’, fand ich Worte wie ‘blutverschmierte Wiederkehr’ und andere Bilder, die diesen – nennen wir ihn – Realitätsschock mit der Metaphorik unserer geliebten (sicher postmodernen) Zombiefilme zu verarbeiten versuchte. Bemühungen, das zu benennen, was sich nicht der Macht des Codes und den Pop-Strategien fügen wollte. Das zentrale Wort aber war, ganz dem Titel des Gun-Club-Hits ergeben, ‘Sex’. Dieses Reale, das Pop verfehlt hatte, war es nicht der Beat des Sex? Dieses Pochen und Pulsieren, das sich nicht der Bilderhaftigkeit des Pop fügen wollte, sondern unruhig wühlte in den Zonen von Rock – und in den Dickichten endloser Free-Jazz-Nächte? Real, nicht imaginär. Wir glaubten, all das hinter uns gelassen zu haben.”

So gelesen in der aktuellen Neuauflage von Diedrich Diederichsens Frühwerk “Sexbeat”. Kann man so stehen lassen.



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aus Intro #142 (September 2006)
 
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