BEWERTEN
 

Motörhead

»Kiss Of Death«

[Steamhammer / SPV / VÖ: 25.08.2006 ]

Text: Ulf Imwiehe, Ulf Imwiehe

Lemmy ist Lemmy ist Lemmy. So einfach kann man es sich machen. Immer schon da gewesen, der Kerl, immer schon als richtig coole Sau durchgegangen und ein Garant für überraschungsarmen, aber duften Baller-Rock. Lemmy unser! Ist schon klar. Doch wofür steht der britische Haudegen denn heute überhaupt, nach 23 Alben mit der Institution Motörhead und sechzig Jahreskerben in der als unkaputtbar mythologisierten Schwarte? Ian “Lemmy” Kilmister: Ein alter, auf ewige Coolness abonnierter Mann, der sich die Haare schwarz färbt und so schon rein optisch trügerische Beständigkeit symbolisiert? Ein Vollblutrocker, dessen Zaubertrank Jack Daniel’s heißt und der auf den Rat seines Arztes, mehr auf eine gesunde Ernährung zu achten, antwortete, dass er gerne Kartoffelchips äße, was ja wohl schließlich auch eine Art Gemüse sei? Eine zum unverwundbaren Rock’n’Roll-Gott hochstilisierte Ikone aus längst vergangenen Tagen, der es immer schwerer fällt, die Spuren zu verbergen, die der lebenslange Tanz auf dem Vulkan hinterlassen hat? Oder einfach nur ein verschmitzter, mit viel Humor und Geistesschärfe gesegneter Kumpel, Vater, Onkel für alle, einer, der eben gerne Vollgas gibt und auf die Konsequenzen scheißt? Lemmy, ein Enigma der Musikwelt.

Wahrscheinlich ist er für all seine bedingungslos Ergebenen immer genau das, was sie gerade in ihm sehen wollen. Solange er sich nicht ändert. Das wäre nämlich im Motörhead-Kosmos ein Anzeichen für die bevorstehende Apokalypse. Denn Lemmy und seine Band bieten nicht nur Projektionsfläche und Spektakel – sie sind vor allem Rock’n’Roll gewordenes Comfort-Food. Gut für die Seele. Reines Gefühl. Viel Kalorien. Und immer gleich. So könnte man ihnen auch mit ihrem neuesten Album vorwerfen, sie würden denselben Kram wie immer machen und lediglich ihren schnellen, den mittelschnellen und den langsamen Song in mikroskopischen Abwandlungen runterrattern. Dienst nach Vorschrift leisten, Kundenservice bieten, verlässlich recyclen. Was natürlich irgendwie stimmt, aber eigentlich auch oberflächlicher Blödsinn ist. Wer sich je genauer mit Motörhead befasst hat, der weiß, dass die Klasse ihrer Musik gerade in deren sturem Minimalismus liegt. Schlagt nach unter AC/DC, Bad Religion und The Ramones, manche Künstler sind ihr eigenes Gesetz. Was nichts daran ändert, dass “Kiss Of Death” trotz gelegentlicher Highlights als eher mittelmäßiges, ja, fast schon überflüssiges Album im Motörhead-Oeuvre gelten muss. Denn so richtig Funken sprühen die drei Gentlemen zumindest auf Platte schon länger nicht mehr. Aber, unter uns treuen Kuttenträgern, die Gitarren sind so geil melodisch runtergezockt wie seit “Another Perfect Day” nicht mehr.



Artikel kommentieren
aus Intro #142 (September 2006)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • Nächste Tour-Termine

  •  
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
Anzeige
 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •