BEWERTEN
 

AnnA

»Wir gehen schon mal vor«

[CD / Auf Die Plätze / Al!ve / VÖ: 25.08.2006 ]

Text: Thomas Markus

“Anarchie, Anarchie für die ganze Kompanie”, lauteten Texte von 18-Jährigen, als ich 14 war. Heute benennen 18-jährige Musiker ihre Websites www.annarchie.com. So heißt die URL von AnnAs Webauftritt. Okay, der Vergleich ist ein bisschen weit hergeholt, zumal die verglichenen Jungmusiker ganz unterschiedliche Baustellen beackern und der Schritt von Sauf-Deutsch-Punk zu Direktpop (so taufen AnnA ihren Sound) kein unwesentlicher ist. Dennoch versucht man sich unweigerlich einen linken Anstrich zu verpassen, wenn man mit derart aufgeladenen Begriffen kokettiert – auf welche Art auch immer. Die Jungspunde aus dem Süden Deutschlands brüsten sich jedenfalls offensichtlich mit vollmundigen Termini.

“Ebay” heißt der erste Song des Debüts, der den kapitalistischen Masterplan zur Weltherrschaft hinter dem Online-Marktplatz entschlüsseln will. Spielerisches Unvermögen ist ihnen dabei definitiv nicht vorzuwerfen. “Beliebt” weiß mit downbeatigen Sounds aufzuwarten und bleibt entspannt unaufgeregt, ohne auf Teufel komm raus den catchigen Refrain herauszupressen. Die AnnA-Songs bewegen sich in einem musikalischen Spektrum zwischen durchaus fett produziertem, differenziert klingendem Pop und den Erklärungsliedern von Christoph bei der “Sendung mit der Maus”. Es fehlt die Dringlichkeit hinter den vermeintlich kantigen Aussagen. Keiner behauptet heute, dass Systemkritik mit viel Krach daherkommen muss, nur sind AnnA über weite Strecken arg geschniegelt unterwegs. Wo sind der ungestüme Überschwang und die unabgeklärten, sündigen Slogans der Jugend? Vielleicht wurde man ja auch als Teilnehmer beim Förderprogramm des John Lennon Talent Award im Nachhinein platt gebügelt. Man hört einen professionellen Ansatz, nur wirkt die linke Attitüde dabei wie aufoktroyiert. Als ob man versuchte, so die nächste Nische zu besetzen, die irgendwo zwischen Klee und Paula klafft. Wenn sich AnnA da positionieren wollen, haben sie sich mit ihrem Debüt schon ein gutes Stück in die Lücke gequengelt. Und außerdem: Wer glaubt heute noch 80er-Jahre-Deutsch-Punks?



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