BEWERTEN
 

Johnny Cash

»American V - A Hundred Highways«

[American / Def Jam / Universal / VÖ: 30.06.2006 ]

Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Wären die Platten nicht so hervorragend, man müsste fast behaupten, es sei ermüdend, ständig mit neuen Johnny-Cash-Alben konfrontiert zu werden. So genial die Art und Weise war, mit der Rick Rubin Cash einst zurück auf Start brachte – geläutert und doch fast märtyrergleich – so sehr zwingen die Alben eine Erlebniswelt, eine Lesart auf, der man bisweilen entrinnen will, aber nicht kann. Auch wenn die American-Alben Cashs letzte Jahre fast Biopic-artig wiederzugeben scheinen – sie sparen durch ihre fast sture dramaturgische Umsetzung bewusst aus, dass es zwischen dem Ring-Of-Fire-Cash und dem Gebrochenen dreißig Jahre später, der sich nur noch auf den Tod vorbereitete, etliche andere, ebenfalls sehr erlebenswerte Reinkarnationen des Man in Black gegeben hatte, die gerade emotional weiter Gültigkeit besaßen.

American V“, dessen Aufnahmen 2002 begannen, ist mitnichten Rick-Rubin-Stangenware, keine Frage. Postume Zusätze liefert es dem bereits genau umrissenen Kosmos aus stripped-down Cover-Versionen und Abschiedslyrik allerdings auch nicht – auch wenn das natürlich nicht zu erwarten stand. Stattdessen gibt es auf der letzten Reise ein Show-Off aus für meinen Geschmack einfach zu vielen Opernglas-Momenten. Den vielfach geifernd angekündigten letzten Cash-Song überhaupt (\\\"Like the 309\\\"), symbolträchtige Cover-Versionen wie Bruce Springsteens \\\"Further On (Up the Road)\\\" und bewegende Liner-Notes von Rubin (statt wie früher von Cash, denn der ist ja tot). Auch auf die Gefahr hin, pietätlos zu wirken, irgendetwas diffus Pietätvolles bringt mich dazu, mich diesem Album auch ein Stück weit verweigern zu wollen. So, wie man um den aufgebahrten Leichnam einer geliebten Person lieber doch ein Bogen machen möchte, anstatt noch mal genau hinzusehen in die Augen des Todes. Oder lieber keinen Hollywood-Film über den 11. September erleben möchte. Ich höre lieber „Silver“ oder „Any Old Wind That Blows“ aus den 70ern. Ich verstehe jeden, der das nicht verstehen kann. So ganz verstehe ich es nämlich selbst nicht.



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