BEWERTEN
 

Blumentopf / Dendemann

»Musikmaschine / Die Pfütze des Eisbergs«

[beide: Four / SonyBMG]

Text: Sandra Brosi, Sandra Brosi

Das sind zwei richtungsweisende Alben. Ihr Abschneiden am launischen deutschen HipHop-Markt wird zweifelsfrei zeigen, wo sie denn steht, die brandneue Old School. Neue Old School? Na, damit seien die Acts gemeint, die ab Ende der Neunziger aus dem Subkultur- bzw Funphänomen Deutscher Rap den Chef der Stunde gemacht haben. Die zeigten, es gibt eine Welt außer Rock und Love-Parade. Ernsthaft coole Künstler mit Issues und Styles gingen durch die Decke. Es war um die Jahrtausendwende, es war die Zeit der Ferris MCs, Dynamite Deluxe’, Fünf Sternes, Blumentopfs, Eins, Zwos etc. Doch ihr Königreich trug im größten Triumph seine Absägung schon in sich und dann kam es auch unlängst hart und härter: Aggro, Bushido, Sido, Eko und so.

Die alten Hengste lösten sich auf und/oder verloren ziemlich an Boden. Mal sehen also, was zwei Proto-Acts des einstigen Reichs dem nicht mehr ganz so idyllischen Hier und Jetzt zu sagen haben. Für die Münchner Kung Schu, Holunder, Specht, Master P und DJ Sepalot von Blumentopf ist das bereits der fünfte Longplayer im zehnten Jahr. Und so klingt man auch nicht, als müsse man am blöden Zeitgeist verzweifeln. Nö, ein paar schicke Reime, ein paar nette Beats und der alte Kiffer-Humanismus machen eine angenehme Platte auf. Allerdings könnte der Biss etwas fester sein, denn die Orientierung zum Pausenfüller für ARD Sportübertragungen (as seen während der WM) sollte man nun wirklich nicht angehen. Denn auch wenn es entspannend sein mag, weniger mackerhafte und weniger aggressive Tracks zu hören, die Schwelle zur Harmlosigkeit sollte manchmal mit ein paar mehr Meter Sicherheitsabstand umschifft werden. Etwas anders verhält es sich mit King Dendemann. Der formuliert mit seiner markanten Stimme schon sehr viel direkter den einstigen Herrschaftsanspruch. Der aktuelle Rap-Status-Quo bekommt einiges an den Kopf. Und selten Gutes. Dabei ließ sich Dende wieder vom einstigen Eins,-Zwo-Kumpel Rabauke unterstützen. Vermutlich auch daher wirkt „Die Pfütze des Eisbergs“ in letzter Konsequenz so herrlich unzeitgemäß. Und was es über Aufstieg und Fall und wie man damit zurechtkommt zu sagen gibt, sagt er auch ziemlich schonungslos. Zum Beispiel: „Rap lässt zu wünschen übrig wie’ne gute Fee“ um sich dann höhnisch in fremder Zunge zu kontern: „Aber nein, guck mal Backspin-Cover, hör mal Juice-CD“ und weiter mit „Let’s go, homie, lass den Kopf nicht hängen / Zu Jammerlappen ist das Leben doppelt streng / Bauch rein, Brust raus, das Mic fest im Griff / es geht nicht immer nur bergauf, Rap ist kein Sessellift.“ Also mal sehen, wie diese beiden Platten laufen. Und falls die Kurve von undummem Rap wieder nach oben zeigt, sei hiermit schon mal vehement auf eine Fünf-Sterne-Reunion gedrängt.



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aus Intro #142 (September 2006)
 
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