BEWERTEN
 

New York Dolls

»One Day It Will Please Us To Remember Even This«

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Eine Sex-Pistols-Reunion ohne Sid Vicious, das mochte ja noch angehen. Aber New York Dolls ohne Johnny Thunders? Wie leer geräumt müssen die Bankkonten diverser Musiker nur sein, dass sie einen solchen Schindluder mit dem eigenen Ruf treiben? Personell steht die Dolls-Reunion mit den zwei Gründungsmitgliedern David Johansen und Sylvian Sylvian plus vier neuen Musikern auf wackeligen Beinen, was wohl durch prominente Gäste wie Michael Stipe und Iggy Pop wettgemacht werden soll. Ohne sich besonders an zeitgemäße Produktionstechniken anzubiedern, docken die Rest-Dolls einfach nahtlos an ihre Mittsiebziger-Blütephase an, dank der sie zu den Erfindern des Punk gekürt wurden.

Das mag man „ehrlich“ nennen – wobei fragwürdig ist, ob „Ehrlichkeit“ im Pop je eine erstrebenswerte Eigenschaft war –, doch auf fruchtbaren Boden fällt es nicht. Durch die bloße Neuauflage ihres Glam-, Boogie- und Heavy-Rock’n’Roll entlarven die Dolls-Reste nämlich nur, dass sie ihren legendären Ruf bereits in den 1970ern allem, nur nicht ihrer Musik zu verdanken hatten. Neunzig Prozent von dem, was der Band einen Eintrag in die Punk-Annalen einbrachte, bestand aus Image, nämlich aus Transvestiten-Look, adoleszenter Wut, Sex-Appeal und Flirt mit dem „Life fast, die young“ inklusive damals wie heute umstrittener Hakenkreuz-Binde. Jetzt, wo nur noch die Musik von einst geblieben ist, wird ernüchternder denn je deutlich, wie fahl diese schon immer gewesen ist, nämlich Pub-Rock mit einer gehörigen Portion unpunkiger Gute-Laune-Riffs, die wenig später auch zum Erkennungsmerkmal von Status Quo werden sollten. Das Selbstzitat der Rest-Dolls dient damit nur der Selbst-Demontage, die ein für alle Mal klar macht, dass erst die Ramones kommen mussten, um den Punk von 1970er-Rock-Attitüden zu befreien.



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