BEWERTEN
 

The 101

»Numbers«

Text: Thomas Renz, Thomas Renz

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, hatte Emo noch Mitte der Neunzigerjahre gestöhnt. Doch genau deswegen ist man ja damals jeden Abend zusammen am Bushäuschen abgehangen: Weil sich diese Musik verständnisvoll neben einen setzte und bewies, dass der Unterschied zwischen Lachen und Weinen im Grunde so groß gar nicht ist. Vor allem, wenn die beiden eine schlaflose Nacht in einem verbringen. Und wahrscheinlich ist Eric Richter sogar ein bisschen schuld daran, dass sich diese Ambivalenz inzwischen nur noch selten in der Emobrust einquartiert. Schließlich hat er mit Christie Front Drive nicht nur dem so genannten „Midwest-Emo“, sondern damit auch einer Band wie Jimmy Eat World die Türe geöffnet.

Daran ist im Grunde noch nichts Schlimmes – im Gegenteil –, nur leider hatten diese vor lauter Eingängigkeit vergessen, hinter sich abzuschließen. So ging es bald zu wie in einem Taubenschlag, und alteingesessene Mieter wie The Get Up Kids oder The Promise Ring suchten wenig später das Weite. Mit The 101 kehrt jetzt zumindest Richter an den Ort unserer Jugend zurück. Mit einem Eimer Farbe und einer Kampfansage an die Nachmieter im Gepäck: „They color by numbers / We color them over“, singt er bei „Ordinary“. Und siehe da: Zumindest für die Dauer dieser Platte gelingt die Renovierung. Da sitzt man nun, blättert in Erinnerungen und stößt auf Worte, die der Kinderhasser Wilhelm Busch einmal geschrieben hat: „Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust / Das rote Ding in meiner Brust.“



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